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Babys im Zug nerven - aber laute Telefonate sind „normal“?

December 19, 2025

Über Respekt, Doppelmoral und warum wir auf Kinder härter reagieren als auf Erwachsene

Ich sitze im Zug. Neben mir ein Baby, das gluckst, quietscht, dann kurz meckert. Zwei Reihen weiter ein
Kind, das fragt, erzählt, lacht. Und wie auf Kommando spüre ich sie wieder - diese Spannung im Abteil.
Blicke. Augenrollen. Dieses stille „Muss das jetzt sein?“.

Und gleichzeitig: Ein lautes Telefonat, geführt im Speaker-Modus, als wäre das Abteil ein Wohnzimmer.
Videos ohne Kopfhörer. TikTok-Sounds. Fußballclips. Sprachnachrichten auf voller Lautstärke. Und
niemand sagt etwas. Oder nur sehr selten.

Da frage ich mich: In welchem Verhältnis steht das eigentlich? Warum werden Babys und Kinder so
schnell zum Problem erklärt - aber Erwachsene, die bewusst laut sind, gelten als „neues normal“?


Geräusch ist nicht gleich Geräusch

Psychologisch betrachtet ist Geräusch nicht nur Lautstärke. Geräusch ist Bedeutung. Ein Baby weint
nicht „einfach so“. Es weint, weil es etwas braucht: Nähe, Ruhe, Essen, Sicherheit. Ein Kind spricht, weil es die
Welt verarbeitet, sich verbindet, lebendig ist. Das ist keine Absicht, niemand will damit andere stören.

Ein Telefonat im Zug ist oft anders: bewusst gewählt. Der Ton ist steuerbar. Der Inhalt ist privat. Und die
Entscheidung „Ich mache das jetzt hier laut“ ist eine Form von Selbstpriorisierung – manchmal ohne
Rücksicht auf das Umfeld.

Und genau hier wird’s spannend: Wir reagieren stärker auf Dinge, die wir als kontrollierbar und vermeidbar
wahrnehmen – oder umgekehrt? Eigentlich müsste uns das laute Video mehr stören, weil es vermeidbar ist.
Aber oft passiert das Gegenteil: Kinder werden strenger bewertet.


Warum?

Warum Kinder schneller nerven:

1) Babys sind „unberechenbar“ – und unser Nervensystem mag das nicht. Ein Baby kann jederzeit
weinen. Diese Unvorhersehbarkeit erhöht Stress, weil unser Gehirn ständig auf „Alarmbereitschaft“ bleibt.
Gerade wenn wir selbst müde, gestresst oder reizüberflutet sind, reagiert das System schneller gereizt.

2) Kindergeschrei triggert Urinstinkte
Babyschreien ist evolutionär so gebaut, dass es Aufmerksamkeit erzwingt. Unser Gehirn kann es schwer
ausblenden – das ist kein Charakterfehler, sondern Biologie. Es aktiviert automatisch Stress- und
Handlungsimpulse: „Mach was!“.

3) Projektion: Kinder erinnern uns an Kontrollverlust.
Ein weinendes Baby zeigt: Nicht alles ist planbar. Nicht alles ist„ordentlich“. Und das kann Menschen triggern,
die innerlich stark auf Kontrolle angewiesen sind (oft, weil das Leben ohnehin schon zu voll ist).

4) Soziale Normen: Von Eltern erwartet man Perfektion.
Von Eltern wird häufig erwartet, dass sie „alles im Griff“ haben. Wenn das Baby weint, wird das unbewusst
als „Erziehungsproblem“ gelesen – statt als normaler Ausdruck eines kleinen Menschen.

5) Entwertung des „Kindlichen“
Unsere Gesellschaft wertet kindliche Bedürfnisse oft ab: laut, zu viel, zu lebendig, zu emotional. Erwachsene
Lautstärke wird eher als „Selbstverständlichkeit“ toleriert, kindliche Lautstärke als „Störung“.


Die große Schieflage: Absicht vs. Bedürfnis

Hier liegt der Kern: Ein Baby drückt ein Bedürfnis aus. Ein Erwachsener drückt oft eine Gewohnheit aus.
Und trotzdem wird das Bedürfnis strengerbewertet als die Gewohnheit. Das ist die Doppelmoral.

Denn:

  • das Baby kann nicht anders.
  • der Erwachsene könnte anders.

Und trotzdem bekommen Eltern die Blicke – nicht der Mensch mit dem Lautsprecher-Video.


Respekt ist nicht „alle sind still“ – Respekt ist „alle nehmen Rücksicht“

Zugfahren ist ein geteiltes System. Ein Raum, in dem unterschiedliche Leben aufeinander treffen: Menschen
mit Migräne. Menschen nach einer Nachtschicht. Menschen mit Angst. Menschen mit Kindern. Menschen,
die gerade etwas verloren haben. Menschen, die Ruhe brauchen. Menschen, die Nähe brauchen.

Respekt heißt nicht: niemand darf existieren. Respekt heißt: ich verhalte mich so, dass ich den anderen Raum lasse.

Und da ist die Unterscheidung wichtig:

  • ein Baby, das weint, ist keine Respektlosigkeit.
  • Ein Video ohne Kopfhörer ist oft Respektlosigkeit.

Nicht moralisch überhöht – einfach als soziale Realität.


Wertschätzung: Ein Perspektivwechsel, der alles verändert

Stell dir vor, du schaust nicht auf das Geräusch, sondern auf den Menschen. Da sitzt eine Mutter oder ein
Vater, der wahrscheinlich selbst angespannt ist. Der vielleicht beschämt ist. Der möglicherweise schon alles
versucht: schaukeln, stillen, beruhigen, ablenken. Und gleichzeitig trifft ihn dieses kollektive Augenrollen.
Was passiert dadurch? Scham steigt. Stress steigt. Baby spürtStress. Baby weint mehr. Ein Kreislauf.

Wertschätzung wäre:

  • ein neutrales, freundliches Gesicht
  • ein „Alles gut“-Blick
  • vielleicht sogar ein leises: „Kann ich helfen?“
    (wenn es passt)

Und nein: Wertschätzung heißt nicht, dass es nicht nerven darf. Es heißt nur: Ich mache aus meinem
Genervtsein keine Entwertung eines anderen.


Warum sagen so wenige etwas bei Erwachsenenlärm?

Auch das ist psychologisch: Konfliktvermeidung.

Bei Kindern richtet sich der Ärger indirekt an die Eltern – sozial „sicherer“, weil man eher glaubt, im Recht zu
sein. Bei einem erwachsenen Störer ist die Konfrontation direkter: „Was, wenn der mich anpöbelt?“, „Was,
wenn das unangenehm wird?“ Also: lieber schweigen. Und den Ärger auf das „leichtere Ziel“ umlenken: Kinder.
Das ist menschlich – aber nicht besonders fair.

Was wäre ein gutes „neues normal“?

Nicht: „Kinder dürfen nicht in Zügen sein.“, sondern:

  • Kopfhörer sind Standard.
  • Telefonate leise, kurz, rücksichtsvoll.
  • Kinder sind Menschen und dürfen Gefühle haben.
  • Eltern sind keine Störfaktoren, sondern Teil der Gesellschaft.
  • Ruhebereiche werden respektiert – von allen.

Und vor allem: Wir bewerten Bedürfnisse nicht strenger als Rücksichtslosigkeit.


Schlussgedanke

Vielleicht ist die Frage nicht, ob Babys im Zug nerven dürfen. Vielleicht ist die Frage: Warum fehlt uns
manchmal die Toleranz für da sUnkontrollierbare – und die Grenzen für das Kontrollierbare? Ein Baby weint, weil
es Mensch ist. Ein Handy schreit, weil jemand es so eingestellt hat.

Wertschätzung und Respekt beginnen genau dort: bei der Entscheidung, nicht nach unten zu treten, nur weil es einfacher ist.