
„Die Jugend von heute …“ – ein Vorwurf, so alt wie die Menschheit
August 15, 2026
„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."
Dieses Zitat wird dem Philosophen Sokrates zugeschrieben - und ist über 2.400 Jahre alt.
Beim Lesen könnte man meinen, es sei gestern geschrieben worden,
über die Generation Z - die Jugend von heute.
Und genau darin liegt die Botschaft:
Es zeigt, dass das Klagen über die nachkommende Generation kein neues Phänomen ist -
sondern ein zutiefst menschliches.
Jede Generation glaubt, die letzte gute gewesen zu sein
Ein kurzer Blick in die Geschichte macht das Muster deutlich:
- Die Kriegsgeneration war stark, weil sie gekämpft und überlebt hat.
- Die Nachkriegsgeneration war stark, weil sie aufgebaut, verzichtet und angepackt hat.
- Die Babyboomer waren stark, weil sie geleistet, gearbeitet und Stabilität geschaffen haben.
Und immer folgt - fast automatisch - derselbe Gedanke:
„Aber die Jugend von heute …"
Sie sei zu sensibel, zu fordernd, zu bequem, zu respektlos...
Warum wir die Jüngeren abwerten - ein psychologischer Blick
Psychologisch betrachtet hat dieses Denken weniger mit der Jugend zu tun als mit uns selbst.
Denn Veränderung verunsichert,
wenn sich Werte, Sprache und Arbeitsweisen verändern,
verlieren vertraute Maßstäbe an Halt.
Die eigene Lebensleistung will gesehen und gewürdigt werden.
Wer viel getragen, verzichtet oder gearbeitet hat, braucht Anerkennung dafür.
Und zu guter Letzt wird Vergangenes verklärt.
Rückblickend erinnern wir uns oft stärker an das Gute - und vergessen die Schattenseiten.
Wenn wir ehrlich zurückschauen,
wollten wir auch anders sein als die Generation vor uns.
Uns von den „Spießern" distanzieren.
Und so entsteht der Mythos: Früher war alles besser.
Dabei war es vor allem eins: Anders.
Jede Generation ist ein Kind ihrer Zeit
Jede Generation entwickelt genau die Fähigkeiten, die ihre Zeit von ihr verlangt:
- Stärke bedeutete früher Überleben.
- Später Anpacken und Aufbauen.
- Dann Leistung, Disziplin und Anpassung.
- Heute sind es Reflexion, Abgrenzung, Sinnsuche und psychische Gesundheit.
Die jungen Generationen sind nicht schwächer -
sie reagieren auf eine viel komplexere, schnellere und widersprüchlichere Welt.
Wir sind immer das Vorbild für die, die nachkommen
Ein Gedanke, den wir oft übersehen:
Jede junge Generation ist eine Antwort auf die vorherige.
Sie übernimmt Werte.
Sie korrigiert blinde Flecken.
Sie entwickelt weiter, was nicht mehr trägt.
Wenn junge Menschen heute Autoritäten hinterfragen,
Grenzen setzen oder Sinn einfordern,
dann nicht aus Respektlosigkeit,
sondern weil sie auf dem aufbauen, was zuvor entstanden ist.
Warum ich das Miteinander der Generationen so wertvoll finde - eine persönliche Perspektive
An dieser Stelle möchte ich ganz bewusst persönlich werden.
Ich mag die jüngere Generation. Wirklich.
Ich erlebe sie als bereichernd, inspirierend und oft erstaunlich reflektiert.
Ich kenne viele junge Menschen, die höflich sind,
mitdenken, Verantwortung übernehmen,
um die Ecke denken und sich ehrlich einbringen.
Sie stellen kluge Fragen und sehen Zusammenhänge.
Sie bringen oftmals Perspektiven ein, die mich selbst weiterdenken lassen.
Wenn ich ehrlich auf meinen Alltag schaue,
begegne ich deutlich häufiger frustrierten, unfreundlichen,
streitlustigen oder sehr engstirnigen Menschen in meiner eigenen Generation -
als in der jungen.
Und ja, das auszusprechen braucht Mut -
und genau diese Ehrlichkeit brauchen wir,
wenn wir wirklich über Generationen sprechen wollen.
Schubladen helfen niemandem
Vielleicht liegt es an meiner eigenen Prägung oder Erziehung -
ich habe früh gelernt:
Menschen lassen sich nicht sinnvoll in Schubladen stecken,
weder nach Alter, noch nach Generation oder Etiketten.
Menschen sind individuell -
und in jeder Generation gibt es offene, neugierige und engagierte Menschen,
genauso wie frustrierte, bequeme oder verantwortungsscheue.
Die berühmten „faulen Jugendlichen", über die so gern gesprochen wird,
gab es schon vor 30, 50 oder 100 Jahren.
Sie sind kein neues Phänomen - nur das aktuelle Feindbild.
Was möglich wird, wenn Generationen sich öffnen
In meiner Begleitung in Familien,
meinen Coachings, Seminaren und Workshops zeigt sich immer wieder:
Sobald Generationen aufhören, sich gegenseitig zu bewerten,
und anfangen, sich wirklich zuzuhören,
entsteht etwas Neues:
- Erfahrung trifft frische Perspektiven
- Stabilität trifft Mut zur Veränderung
- Wissen trifft Neugier
Plötzlich geht es nicht mehr darum, wer recht hat
oder wessen Zeit „besser" war,
sondern darum, gemeinsam etwas zu bewegen.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Boomer, Gen X, Y, Z oder Alpha.
Vielleicht geht es um:
- Haltung statt Alter
- Offenheit statt Abwehr
- Neugier statt Nostalgie
Und um die Erkenntnis:
Jede Generation hat Großartiges geleistet -
und jede neue Generation bringt etwas Wertvolles hinzu.
Nicht trotz der vorherigen, sondern wegen ihr.


