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Eine Geburt kann richtig scheisse sein

August 21, 2026

Eine Geburt kann richtig scheiße sein – und trotzdem muss sie kein Trauma hinterlassen. Denn eine gute Geburt braucht mehr als Medizin – warum emotionale Begleitung und Empathie den Unterschied machen.

Wenn ich Familien nach ihrer Geburt frage, erzählen sie mir selten als Erstes von den medizinischen Maßnahmen. Sie erzählen von Blicken und Worten. Sie erzählen von Gesichtsausdrücken und von der Haltung. Sie erzählen von Menschen, die ruhig geblieben sind, von sanften Berührungen und von übergriffigen.

Oft berichten sie von der Hebamme, die ihre Hand gehalten hat oder dem Arzt, der sich einen Moment Zeit genommen und erklärt hat, was gerade passiert. Ich höre von dem Gefühl, sich alleine gefühlt zu haben, nicht gesehen worden zu sein, nicht gehört worden zu sein.

Heute haben mir zwei Familien von ihren Geburten erzählt. Zwei völlig unterschiedliche Geschichten und doch hatten sie etwas Entscheidendes gemeinsam. Beide Geburten waren medizinisch hoch belastend. Beide Familien haben Momente erlebt, die sie sich niemals ausgesucht hätten und trotzdem erzählten sie ihre Geschichte nicht aus der Perspektive von Angst oder Ohnmacht. Sie berichten von Menschen, die geblieben sind, die zugehört haben.

Genau das ist der Unterschied.

Nicht jede schwere Geburt wird zum Trauma und nicht jede unkomplizierte Geburt wird automatisch als gute Geburt erlebt.

Die Diplom-Psychologin Christiane Windhausen beschreibt Trauma so:

„Ein Erlebnis wird als traumatisch erfahren, wenn es auf körperlicher, emotionaler oder mentaler Ebene so überwältigend ist, dass es auf einer oder mehreren Ebenen nicht integriert werden kann."

Dieser Satz macht deutlich, warum nicht allein das Ereignis entscheidend ist. Zwei Menschen können eine ähnliche Geburt erleben – und sie dennoch völlig unterschiedlich verarbeiten. Aus psychologischer Sicht entscheidet nicht allein das Was, sondern auch das Wie.

Wie habe ich die Situation erlebt? Hatte ich das Gefühl, ausgeliefert zu sein? Oder war da jemand, der erklärt hat, was gerade passiert? Jemand, der meine Angst gesehen hat. Jemand, der meine Hand gehalten hat. Jemand, der gesagt hat: „Ich bleibe bei Ihnen."

Genau hier beginnt Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, dass alles nach Plan läuft. Sie bedeutet auch nicht, dass wir jederzeit die Kontrolle behalten. Sie bedeutet, trotz einer Situation, die wir uns niemals ausgesucht hätten, zu erleben: „Ich werde gesehen. Ich werde ernst genommen. Ich bin nicht allein."

Unser Nervensystem erinnert sich nicht nur daran, was passiert ist. Es erinnert sich vor allem daran, wie wir uns dabei gefühlt haben.

Deshalb ist emotionale Begleitung kein nettes Extra. Sie gehört genauso zu einer guten Geburt wie medizinische Kompetenz, denn wir können nicht jede dramatische Geburt verhindern, aber wir können beeinflussen, ob Menschen diese Stunden mit dem Gefühl verlassen, allein, hilflos und ausgeliefert gewesen zu sein – oder mit der Erfahrung: „Es war schlimm. Und ich musste da nicht allein durch."

„Trauma entsteht nicht nur durch das, was uns passiert – sondern auch durch das, was in diesem Moment gefehlt hat."
– Gabor Maté

Je länger ich Menschen begleite, desto deutlicher wird für mich: Wir brauchen Menschen, die bleiben. Völlig egal, ob unter der Geburt, in der Kindheit oder im Elternsein. Immer dann, wenn das Leben uns herausfordert, brauchen wir (Rück-)Halt und Sicherheit entsteht in Beziehung.

Gute, ehrliche Begleitung ist so viel mehr als Freundlichkeit. Sie ist Medizin für unser Nervensystem.