Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Seelenlümmelei

September 22, 2026

Über die unterschätzte Kunst des Seelenlümmelns

Keinen Podcast beim Spazierengehen. Keine Nachrichten beim Kaffee. Keine Wäsche nebenbei. Keine Mails „nur noch schnell". Kein Buch über Persönlichkeitsentwicklung. Keine Meditation mit dem Ziel, danach entspannter, fokussierter und leistungsfähiger zu sein.

Einfach nichts – und noch viel interessanter: Wie lange hat es gedauert, bis sich dabei eine Stimme gemeldet hat?

„Du könntest die Zeit doch nutzen."

Wir leben in einer Welt, in der Tun einen ziemlich guten Ruf hat. Wer viel schafft, ist fleißig. Wer beschäftigt ist, ist wichtig. Wer einen vollen Kalender hat, hat offenbar ein erfülltes Leben. Und wer auf dem Sofa liegt und aus dem Fenster schaut? Nun ja. Der tut halt nichts. Dabei stimmt genau das eigentlich gar nicht.

Wenn ich mich hinsetze, obwohl noch Wäsche herumliegt, tue ich nicht nichts. Ich erhole mich.

Wenn ich eine Stunde auf dem Balkon sitze und Löcher in die Luft starre, tue ich nicht nichts. Ich reguliere mich.

Wenn ich einen Nachmittag ohne Plan verbringe, tue ich nicht nichts. Ich tanke auf.

Wenn ich absichtlich gerade einmal nichts Produktives mache, tue ich nicht nichts. Ich gebe meinem Körper und meinem Kopf Raum.

Und manches davon geschieht ganz von allein – ohne Anleitung und ohne das nächste Selbstoptimierungsprojekt.


Unser Nervensystem kennt keinen Feierabendknopf

Es ist 24/7 damit beschäftigt, Gespräche zu führen oder zu „belauschen", Geräusche zu filtern und Entscheidungen zu treffen. Konflikte wollen gelöst werden. Verantwortung möchte übernommen oder abgegeben werden. Informationen werden (weiter-)verarbeitet. Gefühle wollen gefühlt werden und dann gibt es noch die Anforderungen der Gesellschaft an uns.

Dazu kommen all die kleinen Dinge, die kaum jemand als Belastung wahrnimmt: Was muss ich noch erledigen? Wem wollte ich antworten? Was gibt es morgen zu essen? Habe ich daran gedacht? Wie spät ist es? Wo ist eigentlich mein Schlüssel?

Unser Gehirn und unser Nervensystem sind ständig damit beschäftigt, Reize einzuordnen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und auf unsere Umwelt zu reagieren. Und irgendwann braucht dieses System Zeiten, in denen weniger hereinkommt.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen."
— Pippi Langstrumpf / Astrid Lindgren

Das bedeutet übrigens keineswegs, dass in diesen Momenten nichts passiert, im Gegenteil: Der Körper reguliert. Gedanken sortieren sich. Anspannung kann nachlassen. Gefühle bekommen Raum. Erlebtes darf sich setzen. Manchmal tauchen plötzlich Lösungen auf, nach denen wir vorher stundenlang gesucht haben. Und manchmal passiert tatsächlich einfach … gar nichts. Und das darf sein und ist gut so.


Selbstfürsorge ist mehr als Badewanne und Kerzenschein

Bei Selbstfürsorge denken wir inzwischen schnell an Yoga, Meditation, Wellness, Journaling, Atemübungen oder einen Waldspaziergang – alles wunderbar und doch fallen wir von einer Selbstoptimierung in die nächste. Meditieren. Noch eine Morgenroutine. Noch eine Dankbarkeitsliste. Noch 10.000 Schritte, weil Bewegung schließlich gesund ist. Und plötzlich haben wir sogar aus dem Ausruhen etwas gemacht, das wir möglichst gut erledigen wollen.

Dabei bedeutet Selbstfürsorge manchmal einfach mal nichts zu tun. Aus dem Fenster schauen. In der Sonne sitzen. Den Kaffee trinken, solange er noch warm ist. Eine halbe Stunde vertrödeln – oder einen ganzen Nachmittag, ohne Ergebnis, ohne Erkenntnis und ohne vorher festgelegten Nutzen.

„Aber ich habe doch so viel zu tun." – Ja, und genau das ist häufig das Problem.

Wir warten mit dem Auftanken, bis der Akku fast leer ist. Beim Handy erscheint bei 20 Prozent eine Warnung. Bei 10 Prozent werden wir nervös. Bei 5 Prozent suchen wir hektisch nach einem Ladekabel. Nur bei uns selbst scheint manchmal die Vorstellung zu gelten, dass wir mit 3 Prozent Restenergie bitte weiterhin sämtliche Apps geöffnet lassen und nebenbei noch Höchstleistung bringen können. Und wenn gar nichts mehr geht, wundern wir uns.

Dabei wäre die viel spannendere Frage: Warum erlauben wir uns das Aufladen eigentlich erst, wenn wir fast leer sind?


Vielleicht braucht Nichtstun einen neuen Ruf?

Nichtstun ist kein Versagen, es ist kein Zeichen mangelnder Motivation und es ist auch keine Zeit, die man sinnvoller hätte nutzen können. Es gehört zum Leben genauso wie Aktivität. – Auf Anspannung folgt Entspannung, um es mit Verana Faden auszudrücken.

Wie Ebbe und Flut, einatmen und ausatmen: Unser Leben funktioniert in Rhythmen. Nur unsere Vorstellung von Produktivität versucht manchmal, daraus eine gerade Linie zu machen. Immer weiter. Immer mehr. Immer noch etwas.

Ich möchte daran erinnern, dass auch Pausen Teil der Bewegung sind – eine Welle besteht schließlich auch aus Auf und Ab.

Eigentlich klingt das ganz selbstverständlich. Wäre da nur nicht dieses seltsame Gefühl, das sich so gerne einschleicht, sobald wir tatsächlich einmal nichts tun: das schlechte Gewissen. Kaum sitzen wir auf dem Sofa, meldet sich diese leise Stimme: „Eigentlich müsste ich doch …"

Dann ist der Körper zwar in der Pause angekommen, der Kopf allerdings noch mitten im Dienst. Wirklich zur Ruhe kommen wir erst dann, wenn auch das innere Antreiben leiser werden darf. Es geht darum, dass wir uns selbst die Erlaubnis geben, für einen Moment einfach zu sein. Der Erlaubnis, gerade nichts leisten zu müssen. Nichts nachholen zu müssen. Nichts aus dieser Stunde machen zu müssen. Einfach da zu sein.

Und das nicht, damit wir anschließend wieder besser funktionieren, sondern weil wir Menschen sind und keine Maschinen. Und selbst Maschinen haben übrigens einen Stand-by-Modus.


Ich tue nicht nichts.

Vielleicht sollten wir diesen Satz öfter sagen. Wenn jemand fragt: „Was hast du heute gemacht?" Nichts. Und statt dieses „Nichts" sofort erklären oder rechtfertigen zu wollen, könnten wir irgendwann sagen:

Ich tue nicht nichts.

Ich gebe meinem Körper eine Pause. Ich lasse meinen Kopf zur Ruhe kommen. Ich gebe meinem Nervensystem weniger Input. Ich sammle Kraft. Ich bin einfach da. Und manchmal sitze ich tatsächlich nur herum und starre Löcher in die Luft. Auch gut. Denn ich tue nicht nichts.

Oder anders gesagt:

Die Seele lümmelt.
Der Akku lädt.
Der Rest darf warten.