
Tainai Touch – wenn eine ganze Familie ankommt
August 25, 2026
Die ersten zwölf Wochen nach der Geburt sind nicht das Ende einer Schwangerschaft. Sie sind der Beginn des gemeinsamen Ankommens.
Stell dir ein Baby vor, gerade ein paar Wochen alt, es liegt auf dem Arm seiner Mutter, der Vater sitzt daneben. Eigentlich ist alles gut. Das Baby ist gesund, die Geburt liegt hinter ihnen, sie sind zu Hause. Und trotzdem fühlt sich vieles noch gar nicht angekommen an. Das Baby erschrickt schnell. Manchmal rudert es mit seinen kleinen Armen, sucht Begrenzung und findet nur schwer in die Ruhe. Die Eltern probieren aus: tragen, wiegen, stillen, laufen, wieder hinsetzen.
„Was braucht es denn?", fragt der Vater irgendwann. Die Mutter schaut auf ihr Baby. „Ich weiß es nicht."
Dieser Satz fällt in den ersten Wochen mit einem Baby wahrscheinlich häufiger, als wir darüber sprechen. Denn mit der Geburt ist eben nicht plötzlich alles da. Keine fertige Selbstregulation und keine Bedienungsanleitung für dieses eine Baby, den Eltern fällt es noch schwer, die Signale ihres Kindes sicher zu deuten. Hier sitzen drei Menschen, die beginnen, einander kennenzulernen. Und genau dieser Gedanke gefällt mir an Tainai Touch so sehr.
Vom Getragensein zum Ankommen
Tainai ist ein japanischer Begriff und verweist sinngemäß auf das Sein im Mutterleib, im Schoß, im Inneren des Körpers. Neun Monate lang war die Welt eines Babys eng begrenzt. Es wurde getragen und bewegt. Es hörte den Herzschlag und die Stimme seiner Mutter (und des Vaters). Es erlebte Wärme, Druck, Rhythmus und Begrenzung. Und dann kommt die Geburt. Plötzlich gibt es Raum, Licht, Temperaturunterschiede, Geräusche, Schwerkraft, Hunger, Berührungen und unglaublich viele neue Körperempfindungen. Das Baby ist geboren – angekommen ist es deshalb noch lange nicht.
Das vierte Trimester
Die ersten zwölf Wochen nach der Geburt werden häufig als viertes Trimester bezeichnet. Ich mag diesen Begriff, weil er deutlich macht, dass Entwicklung nicht mit der Geburt einen Schnitt macht. Das Nervensystem eines Neugeborenen befindet sich weiterhin mitten in einem enormen Reifungsprozess. Das Gehirn entwickelt und vernetzt sich in einer Geschwindigkeit, die beeindruckend ist. In den ersten Lebensjahren entstehen zeitweise mehr als eine Million neue neuronale Verbindungen pro Sekunde.
Berührung, Bewegung, Stimme, Geruch, Blickkontakt – all diese Erfahrungen werden aufgenommen und verarbeitet. Das Baby lernt seinen Körper kennen. Es lernt seine Umgebung kennen. Und es lernt die Menschen kennen, die es begleiten.
Aber nicht nur das Baby verändert sich
Und hier wird es für mich besonders spannend. Während sich das Gehirn des Babys rasant vernetzt, verändern sich auch die Gehirne seiner Eltern. Elternschaft ist auch auf neurobiologischer Ebene ein Veränderungsprozess. Eine Mutter wird nicht einfach mit der Geburt „fertig" zur Mutter. Und auch ein Vater erhält mit der Geburt seines Kindes nicht automatisch das gesamte Wissen darüber, wie er dieses Baby lesen, halten oder beruhigen kann. Beide lernen und beobachten. Sie probieren. Sie erleben ihr Baby und ihr Baby erlebt sie.
Im vierten Trimester entwickelt sich deshalb nicht nur ein Baby. Eine ganze Familie entsteht neu.
Co-Regulation kommt vor Selbstregulation
Von kleinen Babys erwarten wir manchmal erstaunlich viel.
Sie sollen schlafen.
Zur Ruhe kommen.
Sich ablegen lassen.
Reize verarbeiten.
Irgendwann sogar lernen, „sich selbst zu beruhigen".
Doch Selbstregulation entwickelt sich erst nach und nach.
Am Anfang steht die Co-Regulation.
Das Baby erlebt einen anderen Menschen, der ihm hilft, mit seinen inneren Zuständen umzugehen.
Über Nähe
Berührung
Stimme
Rhythmus
Bewegung
Und über ein Gegenüber, das seine Signale wahrnimmt.
Aus vielen solchen Erfahrungen entwickelt sich allmählich etwas Eigenes.
Auch Handling ist Beziehung
Ein Baby wird jeden Tag unzählige Male aufgenommen, abgelegt, getragen, gewickelt, angezogen, gedreht oder beim Füttern gehalten. Diese ganz alltäglichen Momente sind mehr als reine Handgriffe.
Jede Bewegung vermittelt dem Baby Informationen über seinen Körper und seine Umwelt.
Wie werde ich aufgenommen?
Kann mein Körper der Bewegung folgen?
Erlebe ich Begrenzung und Halt?
Kann ich mich orientieren?
Werde ich überrascht oder kann ich mich auf eine Bewegung einstellen?
Ein achtsames, entwicklungsorientiertes Handling kann die Körperwahrnehmung, Orientierung und Bewegungsentwicklung unterstützen und dem Baby helfen, Übergänge besser mitzugestalten. Und auch hier entsteht Co-Regulation: Eltern beginnen, die kleinen Reaktionen ihres Babys wahrzunehmen, ihr Tempo anzupassen und Bewegungen gemeinsam mit ihm statt einfach an ihm auszuführen.
Deshalb ist Handling ein wichtiger Bestandteil des Tainai-Touch-Pilotprojekts. Wir schauen gemeinsam auf ganz alltägliche Situationen: Wie nehme ich mein Baby auf? Wie lege ich es ab? Wie trage, drehe oder wickele ich es? Und wie können genau diese vielen kleinen Momente zu Erfahrungen von Körpergefühl, Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Verbindung werden? Denn Entwicklung findet nicht nur während einer Übung statt. Sie geschieht mitten im Alltag – immer wieder, jeden Tag.
Tainai Touch verbindet diese alltäglichen Erfahrungen mit gezielten Impulsen aus Berührung, Bewegung und entwicklungsorientiertem Handling. Als körper- und entwicklungsorientierter Ansatz für Familien im vierten Trimester verbindet Tainai Touch Baby-Shiatsu und traditionelles japanisches Wissen mit Erkenntnissen aus Neurobiologie und Entwicklungspsychologie sowie Elementen aus Bonding, Bewegung, Handling und entwicklungsorientierter Elternbegleitung. Für mich liegt das Besondere dabei weniger in einer einzelnen Technik als in der Haltung dahinter.
Wir fragen nicht:
„Wie bekommen wir das Baby ruhig?"
Sondern:
„Was erzählt uns dieses Baby gerade?"
Was braucht es?
Was ist angenehm?
Wann möchte es Kontakt?
Wann braucht es eine Pause?
Wie reagiert sein Körper auf Berührung und Bewegung?
Und genauso schauen wir auf die Eltern.
Was passiert mit der Mutter, wenn ihr Baby unruhig wird?
Was passiert mit dem Vater?
Wer wird schneller?
Wer hält den Atem an?
Wer beginnt sofort etwas zu tun?
Und was verändert sich, wenn alle ein kleines bisschen langsamer werden?
Damit wird Tainai Touch für mich zu weit mehr als einer Anwendung am Baby. Es wird zu einer Erfahrung miteinander.
Wenn aus drei Menschen langsam „wir" wird
Kehren wir noch einmal zu unserer kleinen Familie vom Anfang zurück. Das Baby liegt inzwischen zwischen seinen Eltern. Der Vater legt seine Hand an die kleinen Füße. Die Mutter beobachtet.
Niemand versucht gerade, etwas zu erreichen. Das Baby bewegt seine Beine. Hält kurz inne. Schaut. Die Mutter sieht es und wartet. „Das macht es immer, bevor es zu viel wird", sagt sie plötzlich. Eine winzige Beobachtung und gleichzeitig etwas Großes. Denn genau daraus wächst Sicherheit. Nicht daraus, immer sofort zu wissen, was richtig ist. Sondern daraus, einander immer besser kennenzulernen.
Das Baby lernt: Meine Signale werden wahrgenommen.
Die Eltern lernen: Wir können diese Signale verstehen.
Und aus vielen dieser kleinen Begegnungen entsteht Beziehung. Genau deshalb gefällt mir dieser Satz für Tainai Touch so sehr: Vom Getragensein im Mutterleib zum gemeinsamen Ankommen – bei sich, miteinander und als Familie. Denn das vierte Trimester gehört nicht nur dem Baby. Es gehört ihnen allen.
Familien für das Tainai-Touch-Pilotprojekt gesucht
Aktuell suche ich Familien, die Tainai Touch im Rahmen eines Pilotprojekts kennenlernen und mit ihren Erfahrungen zu seiner weiteren Entwicklung beitragen möchten. Dabei geht es ausdrücklich ums Erkunden und Erfahren: Wie erleben Baby, Mutter und Vater die Berührungen und Übungen? Was verändert sich im gemeinsamen Erleben? Was fühlt sich hilfreich an? Und was dürfen wir aus euren Erfahrungen für die Weiterentwicklung von Tainai Touch lernen?
Voraussetzungen für die Teilnahme
Für das Pilotprojekt suche ich Familien, bei denen
- Mutter, Vater und Baby gemeinsam teilnehmen
- das Baby zu Beginn maximal sieben Wochen alt ist
- 3–5 Termine in meiner Praxis möglich sind
- die Bereitschaft besteht, die gezeigten Übungen täglich zu Hause durchzuführen
- und die Erfahrungen und Beobachtungen in einem einfachen Dokumentationsbogen festgehalten werden.
Ihr braucht dafür keine Vorkenntnisse.
Was ihr mitbringen dürft, sind Neugier, etwas Zeit und die Bereitschaft, euer Baby aufmerksam zu beobachten und euch gemeinsam auf diese Erfahrung einzulassen.
Denn genau darum geht es bei diesem Pilotprojekt: nicht um richtig oder falsch, sondern ums Wahrnehmen, Erleben und gemeinsame Ankommen.
Wenn ihr euch angesprochen fühlt und euer Baby maximal sieben Wochen alt ist, meldet euch sehr gerne bei mir.
Ich freue mich darauf, gemeinsam mit euch neue Wege für Familien im vierten Trimester zu erkunden.
Tainai Touch – gemeinsam ankommen.


