
Was ein Blumenstrauß mit unseren Gefühlen zu tun hat
August 30, 2026
Warum zwischen dem, was passiert, und dem, was wir fühlen, oft eine ganze Geschichte liegt.
Stell dir vor, es klingelt an deiner Tür. Du öffnest und vor dir steht ein Mensch mit einem riesigen Blumenstrauß im Arm. Nicht irgendein 08/15-Strauß, nein, einer, bei dem du für einen kurzen Moment nur die Farben siehst. Vielleicht Pfingstrosen, ein paar wilde Zweige dazwischen, etwas, das wunderbar duftet. Einer dieser Sträuße, die fast zu groß für die Vase sind.
Und noch während du ihn anschaust, passiert etwas in dir. Vielleicht wird dir ganz warm. Für mich? Wie schön. Vielleicht musst du lächeln, noch bevor du überhaupt etwas gesagt hast. Oder dein erster Gedanke ist: Oh. Was ist denn jetzt los? Vielleicht kennst du Blumen vor allem von den Momenten, in denen vorher etwas schiefgegangen ist. Was hat er angestellt? Vielleicht schießt dir etwas ganz anderes durch den Kopf: Oh Gott. Ich habe nichts für ihn. Und aus einer eigentlich schönen Geste wird innerhalb von Sekunden ein unangenehmes Gefühl von Verpflichtung. Vielleicht siehst du auch die Blumen und wirst traurig, weil genau diese Blumen früher immer auf dem Küchentisch deiner Großmutter standen. Vielleicht freust du dich über die Geste und denkst gleichzeitig: Warum ausgerechnet Rosen? Nach all den Jahren weiß er immer noch nicht, welche Blumen ich liebe.
Und während all diese Menschen etwas völlig Unterschiedliches fühlen, ist eines gleich geblieben: der Blumenstrauß. Er steht einfach da, mit seinen Blüten, seinen Farben und seinem Duft. Der Blumenstrauß weiß nichts von Enttäuschung oder Misstrauen – er kennt keine Dankbarkeit und auch nicht deine Großmutter. All das entsteht erst in uns.
Zwischen dem, was passiert, und dem, was wir fühlen
Wir erzählen uns häufig: Das hat mich wütend gemacht. Diese Nachricht hat mich verunsichert. Sein Blick hat mich verletzt. Das Verhalten meines Kindes macht mich wahnsinnig. Und natürlich fühlt es sich genau so an. Da passiert etwas und unmittelbar danach ist da ein Gefühl. So schnell, dass wir kaum wahrnehmen, dass zwischen diesen beiden Momenten noch etwas geschehen ist: Unser Inneres hat die Situation eingeordnet und bewertet.
Und daraus entsteht eine kleine psychologische Rechnung: Situation + Bewertung = Emotion
Der Blumenstrauß + „Da hat jemand an mich gedacht." = Freude.
Der Blumenstrauß + „Was will derjenige jetzt von mir?" = Misstrauen.
Der Blumenstrauß + „Ich habe nichts für ihn." = schlechtes Gewissen.
Der Blumenstrauß + „Diese Blumen standen immer bei Oma." = Wehmut.
Nicht der Strauß hat sich verändert, nur die Geschichte dahinter.
Das Spannende daran ist: Wir setzen uns in solchen Momenten selten hin und beschließen bewusst, wie wir eine Situation bewerten möchten. Diese Bewertung geschieht blitzschnell. Unser Inneres blättert gewissermaßen durch ein riesiges Album aus Erfahrungen: Kenne ich das? Wie ist das früher ausgegangen? Bin ich hier sicher? Was bedeutet das für mich? Was sagt das über mich aus?
In diesem Album liegen unsere Erfahrungen, Beziehungen, Enttäuschungen und schönen Erinnerungen. Dort finden sich Sätze, die wir irgendwann über uns gelernt haben. Erwartungen, mit denen wir groß geworden sind. Erfahrungen darüber, wie andere Menschen reagieren. Und deshalb sieht keiner von uns einen Blumenstrauß vollkommen unvoreingenommen. Wir alle bringen unsere Geschichte mit.
Eine Freundin antwortet stundenlang nicht auf deine Nachricht. Situation: Keine Antwort. Und dann beginnt die Geschichte: Sie ist sauer auf mich. Ich habe bestimmt etwas Falsches geschrieben. Typisch. Für andere hat sie Zeit. Oder: Sie wird gerade beschäftigt sein und meldet sich später. Vier Bewertungen. Vier mögliche Gefühlswelten. Von Angst über Ärger und Verletzung bis hin zu völliger Gelassenheit. Und jede dieser Reaktionen ergibt Sinn, wenn wir die Geschichte dahinter kennen.
Denn wir fühlen nicht einfach „zu viel", „zu schnell" oder „falsch". Unser Gefühl folgt dem, was eine Situation in diesem Moment für uns bedeutet. Und manchmal lohnt es sich, genau dort ein bisschen länger zu bleiben. Bei dem Moment, in dem aus dem, was passiert ist, eine Bedeutung wird. Genau deshalb kann es so wertvoll sein, für einen Moment neugierig zu werden:
Was ist gerade wirklich passiert? Und: Was bedeutet das, was passiert ist, für mich? Zwischen diesen beiden Fragen können Welten liegen.
Der Strauß darf erst einmal ein Strauß sein
Vielleicht können wir unsere Bewertungen gar nicht immer sofort verändern. Das brauchen wir auch nicht. Aber wir können anfangen, sie zu bemerken: Ah. Das ist gerade meine Interpretation. Das ist die Geschichte, die mein Kopf daraus macht. Das ist das, was diese Situation in mir berührt.
Und plötzlich entsteht ein kleines bisschen Abstand. Nicht zum Gefühl. Sondern zu der vermeintlichen Gewissheit, dass unsere erste Geschichte über eine Situation auch die einzige Wahrheit sein muss. Vielleicht ist sie wahr. Vielleicht gibt es noch eine andere. Und manchmal reicht genau dieser kleine Moment, damit etwas in uns weicher wird.
AHA-Moment für deinen Alltag
Wenn dich das nächste Mal etwas ganz plötzlich wütend, traurig, ängstlich oder unsicher macht, stell dir für einen Moment diesen großen Blumenstrauß vor. Und dann frag dich: Was sind gerade die Blumen – also das, was tatsächlich passiert ist? Und was ist die Geschichte, die ich daraus mache?
Denn zwischen Situation und Emotion liegt etwas, das wir im ersten Moment kaum sehen: unsere Bewertung. Und manchmal verändert sich ein Gefühl schon dadurch, dass wir beginnen, sie zu erkennen.
Beim nächsten Mal, wenn dich etwas unmittelbar trifft – eine Nachricht, ein Blick, ein Satz, ein Verhalten – versuche, bevor du reagierst, einen Moment bei drei kleinen Fragen zu bleiben:
Was ist passiert? Nur das, was eine Kamera hätte aufnehmen können. Ohne Erklärung, ohne Vermutung, ohne Geschichte.
Was mache ich gerade daraus? Welche Bedeutung gebe ich dem, was passiert ist? Was glaube ich zu wissen, zu befürchten oder zwischen den Zeilen zu lesen?
Was löst genau diese Bedeutung in mir aus? Ärger? Angst? Traurigkeit? Enttäuschung? Druck?
Manchmal braucht es gar keine andere Bewertung. Es reicht zunächst zu bemerken: Da ist das, was passiert ist. Und da ist das, was es für mich bedeutet. Allein diese Unterscheidung kann einen kleinen Moment zwischen Reiz und Reaktion entstehen lassen. Einen Moment, in dem du noch nichts verändern, lösen oder anders machen brauchst. Nur wahrnehmen. Und dann kannst du entscheiden, wie du mit dem, was gerade da ist, weitergehen möchtest.


