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Zwischen Karneval, Katerstimmung und Kultur: Unser Umgang mit Alkohol

February 23, 2026

Neulich hat mich eine Bulgarin auf etwas aufmerksam gemacht, das mir vorher nie bewusst aufgefallen war:
Wie viele Begriffe es im Deutschen eigentlich für den Zustand des Betrunkenseins gibt. „Angetrunken“,
„beschwipst“, „angeheitert“, „voll“, „dicht“, „sternhagelvoll“, „hacke“, „blau“. Eine erstaunlich kreative
sprachliche Vielfalt – und vielleicht auch ein Spiegel dafür, wie tief Alkohol in unserer Alltagskultur verankert ist.

Gerade jetzt zur Karnevalszeit scheint das besonders sichtbar zu werden. Alkohol gehört für viele
selbstverständlich zum Feiern dazu, fast so, als wäre gute Stimmung ohne Promille nicht vollständig. Der Genuss
wird romantisiert, der Kater humorvoll erzählt – doch die langfristigen Folgen bleiben oft Randnotizen.

Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Deutschland gehört weiterhin zu den
Hochkonsumländern. Im Schnitt werden hierzulande rund 10 Liter reiner Alkohol pro Kopf und Jahr getrunken.
Millionen Menschen trinken in riskanten Mengen, über zwei Millionen gelten als abhängig. (Und Alkohol ist an
der Entstehung von mehr als 200 Krankheiten beteiligt – von Lebererkrankungen über Herz-Kreislauf-Probleme
bis hin zu psychischen Belastungen und Krebs.

Was dabei oft vergessen wird: Alkohol ist chemisch betrachtet ein Nervengift. Er wirkt direkt auf das zentrale
Nervensystem, verlangsamt Reaktionen, verändert die Wahrnehmung und beeinflusst unser Belohnungssystem
im Gehirn. Kurzfristig kann sich das wie Entspannung anfühlen – langfristig kann es jedoch Konzentration,
Schlaf, Stimmung und sogar die Persönlichkeit verändern. Regelmäßiger Konsum belastet die Leber,
schwächt das Immunsystem und erhöht das Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen.

Und trotzdem bleibt der gesellschaftliche Umgang erstaunlich locker. Manchmal wirkt es, als sei Alkohol die
einzige Droge, für deren Nicht-Konsum man sich erklären muss. „Bist du schwanger?“, „Du musst wohl
noch fahren?“, „Ach komm, ein Schluck geht doch!“ oder das schnelle Urteil: „Boah, bist du langweilig.“ Hinter
diesen Sätzen steckt mehr als nur ein lockerer Spruch – sie zeigen, wie stark Zugehörigkeit über gemeinsames Trinken definiert wird.

Psychologisch betrachtet ist das kein Zufall. Alkohol erfüllt in vielen sozialen Situationen eine Funktion: Er
senkt Hemmungen, reduziert soziale Unsicherheit und schafft ein Ritual, das Menschen verbindet. Das
gemeinsame Anstoßen ist mehr als nur eine Geste – es ist ein Symbol für Gemeinschaft. Gerade bei großen
Festen wie Karneval entsteht schnell das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Das Glas in der Hand
wird zum sozialen Passierschein: Ich gehöre dazu.

Doch genau hier beginnt auch die Ambivalenz. Wenn Zugehörigkeit an ein Getränk gekoppelt wird, wird
Verzicht zur Abweichung. Menschen, die nichts trinken, stellen ungewollt eine Norm infrage. Vielleicht
irritiert das, weil ihre Entscheidung andere dazu bringt, das eigene Verhalten zu hinterfragen.

Eine langjährige Freundin von mir zeigt mir immer wieder, dass Feiern auch anders geht. Seit drei Jahren
trinkt sie keinen Alkohol mehr und sagt selbst, es sei die beste Zeit ihres Lebens. Sie tanzt, lacht, bleibt
lange wach – aber ohne den Nebel danach. Ihr Beispiel widerspricht der verbreiteten Annahme, dass
Alkohol notwendig sei, um loszulassen oder glücklich zu sein.

Gleichzeitig werden Risiken oft klein geredet. Während beim begleiteten Fahren hitzig diskutiert wird und Eltern
erzählen, wie anstrengend es sei, neben ihren frisch gebackenen Führerscheinbesitzern zu sitzen, regt sich
kaum jemand über Begriffe wie „begleitetes Trinken“ auf. Alkohol wirkt harmlos, fast pädagogisch verpackt –
obwohl jedes Glas biologisch gesehen eine Belastung für den Körper ist.

Vielleicht trinken viele Menschen weniger wegen des Geschmacks als wegen der Wirkung: der Moment, in
dem Gespräche leichter werden, Unsicherheiten leiser und Grenzen verschwimmen. Alkohol wird zum
sozialen Schmiermittel, zum schnellen Zugang zu Nähe. Doch echte Gemeinschaft entsteht nicht durch
Promille, sondern durch geteilte Erfahrungen, Humor, Ehrlichkeit und Präsenz.

Und vielleicht liegt genau hier die Chance dieser Jahreszeit. Nach Karneval beginnt die Fastenzeit – eine
Phase, die traditionell mit Verzicht verbunden ist, aber auch mit Neuanfang. Nicht als moralischer Zeigefinger,
sondern als Experiment: Wie fühlt sich ein Abend ohne Alkohol an? Wie klar sind Gespräche, wie bewusst
die eigenen Emotionen?

Vielleicht sind diese sieben Wochen eine Einladung, neugierig zu werden. Nicht „gegen“ Alkohol, sondern
„für“ eine bewusste Wahrnehmung. Für ein Feiern ohne Druck. Für ein Miteinander, das nicht davon abhängt, was im Glas ist.

Denn am Ende ist echte Lebensfreude kein Promillewert. Sie entsteht im Miteinander, im Lachen, im Moment
– ganz egal, ob im Glas Kölsch, Wasser oder gar nichts ist.