Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Eine Ente – und eine Geschichte über Grenzen, Mut und Heilung

November 16, 2025

Vor mir steht eine kleine Quietscheente.
Hellgrün, mit OP-Haube, Mundschutz und winzigem Skalpell in der Hand. Eine Chirurgen-Ente.

Vielleicht ein Geschenk, über das sich ein Chirurg gefreut hätte – eine kleine humorvolle Geste aus dem Klinikalltag. Aber eine Mutter nach einer ungeplanten Bauchgeburt? Was war die Idee dahinter?

Zwischen Humor und Hilflosigkeit

Diese Ente wurde einer Frau nach einer Kaiserschnitt-Geburt überreicht. Vermutlich gut gemeint, vielleicht als kleines Andenken, als Dankeschön, als Symbol:
„Du hast das geschafft. Ihr seid gesund.“

Doch für sie war es kein fröhliches Andenken. Diese Ente wurde zu einem Symbol für etwas, das sie kaum in Worte fassen konnte.
Für eine Geburt, in der über ihre Grenzen gegangen wurde – und in der sie selbst nicht mehr in der Lage war, ihre eigenen Grenzen zuschützen.
Eine Geburt, die sie an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gebracht hat – und weit darüber hinaus.

Zwischen Kiste und Erinnerung

Ins Bad konnte sie die Ente nicht stellen.
Wegwerfen konnte sie sie aber auch nicht.
Also legte sie sie in eine Kiste – zusammen mit anderen Dingen, die sie an die Geburt ihres Kindes erinnerten.
An den Tag, der zugleich Anfang und Wunde war.

Als sie mir die Ente im Rahmen einer Krisenbegleitung zeigte, lag sie still in ihrer Hand.
So unscheinbar – und doch so voller Bedeutung.
Wir sahen sie an, und in diesem Moment war klar:
Diese kleine Figur erzählte mehr, als viele Worte es könnten.

Zwei Welten – eine Erfahrung

Vielleicht war das Geschenk wirklich gut gemeint.
Vielleicht wollte jemand Leichtigkeit schenken, etwas Heiterkeit nach einer intensiven Geburt.
Doch zwischen guter Absicht und heilsamer Geste liegen manchmal Welten.

Im Krankenhaus ist eine Geburt – auch eine operative – Teil des Alltags, eine medizinische Handlung mit klaren Abläufen und Verantwortung.
Für die Mutter aber ist sie ein existenzielles Erlebnis:
Sie erlebt Kontrollverlust, Ohnmacht, Angst, aber auch Liebe, Erleichterung, Überleben.
Zwischen diesen Perspektiven liegen zwei Wahrheiten, die beide ihre Berechtigung haben.

Wenn Dinge sprechen

Die Chirurgen-Ente wurde für sie zu einemSymbol –
für den Moment, in dem sie die Kontrolle verlor, für die Überforderung, für die Grenzüberschreitung.
Aber auch für den Anfang ihrer Heilung.

Denn im Rahmen der Krisenbegleitung hat sie begonnen, ihren inneren Raum neu zu gestalten.
Sie hat dort aufgeräumt, sortiert, die Perspektive verändert. Sie hat gelernt, das Erlebte anzuschauen, ohne darin zu versinken.
Und so hat sie die Geburt Stück für Stück integriert – in ihre Geschichte, in ihr Leben.

Heute ist sie auf ihrem Weg schon weit gegangen.
Und doch spürt sie: Ganz zurück in die Klinik zu gehen, das schafft sie noch nicht.
Vielleicht eines Tages – vielleicht am Rose Revolution Day, wenn sie bereit ist, diesen Ort mit neuen Augen zu sehen.

Diese kleine Ente erzählt eine große Geschichte.
Von Schmerz und Mut. Von Grenzen, die überschritten wurden – und davon, wie man sie wiederfinden kann.

Sie erinnert daran, dass Heilung Zeit braucht.
Dass sie Raum braucht. Und dass sie dort beginnt, wo jemand bereit ist, wirklich hinzusehen – mit Mitgefühl, mit Achtsamkeit, ohne Urteil.

Sie erinnert auch daran, dass zwischen medizinischer Routine und menschlichem Erleben manchmal Welten liegen – und dass genau dort, im Dazwischen, Heilung möglich wird.

Vielleicht ist es am Ende genau das, was diese Ente uns lehren möchte:
dass Geburt mehr ist als ein Eingriff, mehr als ein Moment.
Sie ist eine Geschichte, die getragen werden will –
von Fürsorge, Verständnis und der leisen Bereitschaft, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Von einer Ente, die nicht nur schwimmt, sondern trägt.