Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Fika

August 9, 2026

Wenn mich jemand fragen würde, was ich aus Schweden mitgebracht habe, wären die Antworten schnell gefunden:

  • Viele schöne Erinnerungen, festgehalten auf Fotos und in meinem Herzen.
  • Gurkenmayonnaise
  • Lakritz (in allen Varianten)
  • Und das kleine Wort Fika.

Nicht, weil ich dort besonders viel Kaffee getrunken oder die Zimtschnecken für mich entdeckt hätte. Sondern weil mich die Selbstverständlichkeit berührt hat, mit der ein Moment des Innehaltens seinen Platz im Tag bekommt.

Nicht als Lücke und nicht als Zeit die übrig bleibt. Auch nicht als Belohnung dafür, dass zuvor genug geschafft wurde, sondern als Teil des Lebens.

Das klingt zunächst unspektakulär. Vielleicht ist es genau deshalb so besonders.

Denn wir haben uns daran gewöhnt, Pausen nach hinten zu verschieben. Nach diesem Termin. Nach dieser Aufgabe. Wenn die Kinder schlafen. Wenn die Arbeit erledigt ist. Wenn es ruhiger wird. Wenn endlich Zeit dafür ist. Und manchmal vergeht ein ganzer Tag, ohne dass dieser Zeitpunkt kommt.

Wir trinken den Kaffee im Stehen, beantworten währenddessen eine Nachricht und denken bereits an das, was als Nächstes ansteht. Der Körper ist anwesend, doch die Gedanken sind längst weiter.

Vielleicht hat mich Fika deshalb so berührt? Weil diese Tradition eine Frage berührt, die weit über eine Kaffeepause hinausgeht:


Welchen Platz geben wir dem Leben in unserem Alltag?

Fika wird häufig mit „Kaffeepause" übersetzt. Und doch erklärt diese Übersetzung nicht die Haltung hinter dem Wort. Natürlich gehören Kaffee oder Tee, etwas Gebäck und häufig ein gemeinsames Beisammensein dazu. Doch das Eigentliche lässt sich weder trinken noch essen.

Es ist die bewusste Unterbrechung, das Zusammensitzen. Der Augenblick, in dem der Mensch für eine Weile wichtiger wird als die Aufgabe.

Fika bedeutet nicht, dem Alltag zu entkommen. Fika bedeutet, mitten im Alltag wieder in ihm anzukommen.

Viele Menschen sehnen sich nach Ruhe und erleben gleichzeitig eine innere Unruhe, sobald es tatsächlich stiller wird. Kaum entsteht ein freier Moment, greifen wir zum Handy oder wir räumen noch schnell etwas weg und beantworten eine Nachricht.

Das Tun ist uns vertraut. Das reine Dasein oft weniger. So oft glauben wir, dass unser Wert mit Leistung verbunden ist. Wir haben gelernt, dass Beschäftigtsein Anerkennung bekommt.

Manchmal vermeiden wir die Ruhe auch, weil wir dann deutlicher spüren, wie erschöpft wir eigentlich sind.

Unser Körper lebt in Rhythmen. Anspannung und Entspannung. Aktivität und Ruhe. Aufnehmen und Verarbeiten. Kein System kann dauerhaft in einer Richtung bleiben, ohne irgendwann aus dem Gleichgewicht zu geraten. Und doch erwarten viele Menschen von sich genau das: weiterzumachen, durchzuhalten, verfügbar zu bleiben, noch etwas zu schaffen.

Erholung wird dabei häufig auf den Abend, das Wochenende oder den nächsten Urlaub verschoben. Doch ein Nervensystem reguliert sich nicht allein durch seltene große Pausen. Es braucht auch die kleinen Übergänge, den bewussten Atemzug, den Blick aus dem Fenster.

Wie sagte schon Pippi Langstrumpf: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen."

Und vielleicht liegt darin die stille Weisheit von Fika. Der Mensch braucht Unterbrechungen, bevor der Körper sie sich selbst nehmen muss.

Fika wird in Schweden häufig gemeinsam verbracht. Menschen setzen sich zusammen, trinken etwas, essen eine Kleinigkeit und sprechen miteinander. Das klingt banal. Doch wann sind wir wirklich gemeinsam? Nicht nur im selben Raum, mit dem Blick auf einen Bildschirm. Nicht während nebenbei Geschirr eingeräumt, eine Tasche gepackt oder eine Nachricht beantwortet wird. Sondern mit unserer Aufmerksamkeit.

Fika schafft einen Raum, in dem Begegnung keinen Anlass braucht. Kein Problem. Keine Feier. Keine wichtige Entscheidung. Man sitzt zusammen, weil das Zusammensein selbst einen Wert hat.

Ich habe mir aus Schweden keinen weiteren Punkt für meine Liste der Dinge, die man für ein gutes Leben tun sollte, sondern die Erinnerung daran, dass Pausen keine verlorene Zeit sind, dass Begegnung keinen Zweck braucht und dass Genuss nichts Großes voraussetzt.

Fika ist die Entscheidung, das Leben für einen Moment zu leben.