Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Wenn Worte weh tun – warum frischgebackene Eltern mehr Schutz brauchen

February 3, 2026

Die Geburt eines Kindes wird oft als einer der glücklichsten Momente im Leben beschrieben. Und
ja – da ist Liebe, Staunen und dieses überwältigende Gefühl, plötzlich Verantwortung für ein ganz neues
Lebenzu tragen. Was dabei häufig vergessen wird: Frischgebackene Eltern sind in dieser Zeit extrem
verletzlich. Es ist ein Ausnahmezustand auf allen Ebenen

Nach der Geburt ist nichts mehr wie vorher. Der Körper – besonders der der Mutter – befindet sich in einem
massiven Heilungsprozess. Hormone spielen Achterbahn, Schlafmangel wird zum Dauerzustand und
das eigene Leben ordnet sich komplett neu.

Gleichzeitig entsteht eine neue Identität: Ich bin jetzt Mutter. Ich bin jetzt Vater. Bin ich gut genug?
Diese Fragen laufen oft leise im Hintergrund – und machen empfänglich für äußere Stimmen. Meiner
Meinung nach wird jede Mutter, jeder Vater durch die Geburt eines Kindes auf sich selbst und seine
Kindheit zurück geworfen. Da tauchen plötzlich Fragen auf wie: „Was möchte ich für ein Elternteil sein?“
,„Wie war eigentlich meine Kindheit?“

In dieser vulnerablen Zeit braucht keiner ungefragte Ratschläge – Ratschläge sind auch Schläge und „gut
gemeint“ ist nicht immer gut gemacht. Es braucht weder die Fragen dannach, ob das Kind denn schon
durchschläft (kleiner Spoiler: können Neugeborene noch gar nicht), noch braucht es Kommentare wie:
„Genieß die Zeit, das geht so schnell vorbei!“
„Früher haben wir das auch geschafft.“
„Du verwöhnst dein Baby zu sehr.“

Solche Sätze fallen schnell. Meist ohne böse Absicht. Und doch können sie treffen wie ein Stich. Für frisch-
gebackene Eltern sind diese Kommentare keine belanglosen Bemerkungen. Sie landen in einem inneren
Raum, der ohnehin voller Zweifel, Erschöpfung und Unsicherheit ist. Ein dummer Spruch kann reichen, um
das fragile Gefühl von Ich mache das richtig ins Wanken zu bringen.


Worte können verunsichern – oder tragen

In dieser sensiblen Phase wird jede Rückmeldung gefiltert durch Müdigkeit, Hormone und den Wunsch,
alles richtig zumachen. Ein Satz wie „Du machst das falsch“ – offen oder zwischen den Zeilen – kann:

  • Schuldgefühle verstärken
  • das Vertrauen in die eigene Intuition schwächen
  • Stress und Druck erhöhen
  • das Gefühl von Einsamkeit verstärken

Dabei brauchen frischgebackene Eltern vorallem eines: Bestätigung und Sicherheit.


Das Wochenbett – eine unterschätzte Schutzzeit

Das Wochenbett ist keine „Schonzeit“, sondern eine medizinisch, emotional und psychisch notwendige
Phase. Der Körper heilt, Bindung entsteht, und die neue Familie findet zueinander. Diese Zeit sollte ruhig sein.
Geschützt. Frei von Erwartungen. Ständige Besuche, Ratschläge, Bewertungen oder Vergleiche rauben
Energie, die für Heilung, Stillen, Kennenlernen und Erholen gebraucht wird.

Das Wochenbett ist kein Luxus. Es ist die Basis. Daher: weniger Tipps, mehr Vertrauen

Was frischgebackene Eltern wirklich brauchen:

  • jemanden, der zuhört, statt zu bewerten
  • Sätze wie: "Du machst das gut."
  • praktische Hilfe statt ungefragter Ratschläge
  • Respekt für Grenzen
  • Zeit, um anzukommen

Manchmal ist das Wertvollste, was man sagenkann: gar nichts – außer: „Ich bin da.“


Ein Appell an uns alle

Vielleicht lesen diesen Text auch Großeltern, Freund:innen oder Bekannte. Dann lasst uns achtsamer
sein mit unseren Worten. Nicht jede Erfahrung ist übertragbar. Nicht jede Meinung muss ausgesprochen
werden. Frischgebackene Eltern müssen nicht stärker werden. Sie müssen geschützt werden. Denn in
dieser Verletzlichkeit entsteht etwas Unglaubliches: eine Familie.

Ein Hinweis für Großeltern:
Viele der gut gemeinten Worte und Ratschläge, von denen hier die Rede war, entstehen aus eigenen
Erfahrungen und alten Bildern vom Elternsein. Genau darüber sprechen wir in unserem Großelternworkshop,
den ich gemeinsam mit einer Kollegin anbiete.
In vier Stunden räumen wir mit Mythen rund um Schwangerschaft, Wochenbett und frühe Elternschaft
auf, geben alltagsnahe Impulse zum unterstützenden Handeln und schaffen in kleinen Selbsterfahrungs-
Phasen Raum für Reflexion und Austausch.