
Geburtstrauma - wieso kommen wir hier nicht weiter?
June 10, 2026
Ich bin wütend. Richtig wütend. Weil ich seit Wochen wieder und wieder dieselben Geschichten höre. Geschichten von Frauen, die aus ihrer Geburt nicht mit Glück, sondern mit tiefem Schmerz herausgehen.
Und nein - Geburtstrauma hat nicht nur etwas mit medizinischen Komplikationen zu tun. Es geht nicht darum, ob alles „nach Lehrbuch" verlaufen ist. Es geht darum, wie sich eine Frau während der Geburt gefühlt hat. Ob sie gesehen und gehört wurde. Ob ihre Grenzen respektiert wurden. Ob sie in ihrer Verletzlichkeit gehalten wurde. Und genau hier scheitert es - immer noch - erschreckend oft.
In den letzten Wochen habe ich viele Frauen begleitet, die ihre Geburt als entwürdigend und schmerzhaft erlebt haben - und nicht, weil etwas medizinisch schiefgelaufen ist. Sondern weil Empathie fehlte. Weil niemand sie wirklich wahrgenommen hat. Weil ihre Grenzen ignoriert wurden. Weil sie sich ausgeliefert fühlten - ausgerechnet in einem Moment, der eigentlich getragen sein sollte von Respekt, Würde und Sicherheit.
Seit 21 Jahren begleite ich Frauen nach traumatischen Geburten. Früher waren es vor allem Frauen nach Bauchgeburt, heute genauso viele nach vaginaler Geburt. Und ganz egal, wie das Kind auf die Welt kam - die Kernthemen wiederholen sich bis zur Erschöpfung (im wahrsten Sinne des Wortes):
- Fehlende Empathie
- Keine echte Kommunikation
- Kein Raum für Gefühle
Nach über zwei Jahrzehnten frage ich mich: Wie kann es sein, dass wir hier nicht weiterkommen?
Ja, ich höre die Erklärungen. Schlechte Arbeitsbedingungen. Personalmangel. Überlastung. Das alles ist real. Ich kann das alles sehen, doch am Ende sind es Menschen, die diesen Beruf ergriffen haben, um zu begleiten. Menschen, die einmal den inneren Ruf gespürt haben, anderen in verletzlichen Momenten Halt zu geben.
Ich frage mich: Wie möchten diese Menschen selbst behandelt werden, wenn sie in einer Situation sind, in der sie völlig auf andere angewiesen sind? Geburt braucht Vertrauen, Sicherheit, Geborgenheit - und genau das fehlt so oft.
Ja, es ist das System - aber besteht das System nicht letztendlich aus einzelnen Menschen, und jede einzelne Person macht einen Unterschied. Diese eine Hebamme, die der werdenden Mutter zugewandt ist, der Anästhesist, der während der OP gut zuredet und erklärt, die Stillberaterin, die sich die Zeit nimmt...
Geburt betrifft immer mehr als eine Person
Es wird nicht nur ein Kind geboren. Mit diesem Moment werden auch eine Mutter, ein Vater und das System Familie geboren. Und wir dürfen nicht so tun, als wäre das Trauma nur „Frauensache".
Auch Väter können zutiefst traumatisiert aus einer Geburt gehen - besonders dann, wenn sie miterleben müssen, wie plötzlich alles kippt, wie Mutter und Kind in einer Notsituation in den OP geschoben werden. Dieses Bild, diese Ohnmacht, brennt sich ein. Geburtstrauma betrifft immer das gesamte Familiensystem.
Eine Frau erzählt mir, dass sie nach 36 Stunden Geburtsarbeit schließlich eine Bauchgeburt hatte - vor der sie schon während der gesamten Schwangerschaft Angst hatte. Vier Stunden nach dieser Geburt bekommt sie einen Feedbackbogen in die Hand gedrückt. Am nächsten Tag wird sie daran erinnert, falls sie ihn noch nicht ausgefüllt hat. Niemand fragt, wie es ihr geht. Niemand sieht ihre Tränen. Niemand hört ihre Geschichte.
Und dann diese Sätze, die mich jedes Mal innerlich schreien lassen: „Seien Sie doch froh, Ihnen ist nichts passiert. Sie und Ihr Kind sind gesund." Ja, vielleicht körperlich. Aber die Seele? Die weint. Und diese Tränen sieht kaum jemand.
Mein Wunsch für die Zukunft
Ich will, dass wir als Therapeutinnen, Krisenbegleiterinnen und Helfende in diesem Bereich eines Tages nichts mehr zu tun haben - nicht, weil unsere Arbeit wertlos wäre, sondern weil es keine traumatischen Geburten mehr gibt. Weil Frauen nicht mehr aus dem Kreißsaal gehen, als hätten sie einen Kampf verloren. Weil Väter nicht mehr schlaflos wachliegen, mit Bildern im Kopf, die sie nicht loswerden. Weil Geburten - oder zumindest sehr viele - so verlaufen, wie sie sein sollten: respektvoll, sicher, getragen, würdevoll. Geburten, die Platz lassen für Vertrauen, Selbstbestimmung und das Wunder dieses Moments.
Eine Geburt verändert das Leben - immer. Aber wenn auf diese Veränderung noch ein Trauma draufkommt, hinterlässt das tiefe, unsichtbare Wunden. Ein Schlüssel, vielleicht der wichtigste, ist echte, zugewandte Kommunikation. Sehen. Hören. Respektieren.
Geburt ist nicht nur ein medizinisches Ereignis. Es ist ein zutiefst menschliches. Wenn wir lernen, nicht nur auf das Kind zu achten, das geboren wird, sondern auch auf die Mutter, den Vater und die entstehende Familie - dann beginnt wahre Heilung.


