Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Du bist nicht allein

August 4, 2026

Du bist nicht allein. Auch wenn es sich oft so anfühlt. Es liegt nicht an Dir. Manche Babys brauchen einfach mehr.

„Nur mein Baby ist so."

Diesen Satz höre ich in meiner Praxis viel zu oft. Fast immer wird er leise ausgesprochen. Manchmal mit Tränen in den Augen. Fast immer begleitet von dem Gefühl, etwas falsch zu machen. Dabei ist es nicht das Baby, das das eigentliche Problem ist. Es ist das Gefühl der Einsamkeit, der abgesagte Rückbildungskurs und die Babymassage, die nach dem ersten Termin nicht mehr besucht wird. Die Krabbelgruppe, zu der man sich nicht mehr traut, weil das eigene Baby wieder weint, während die anderen scheinbar friedlich auf ihrer Decke liegen. Oft ziehen sich die Eltern hier zurück – nicht, weil sie keinen Kontakt möchten, sondern weil sie das Gefühl haben, nicht dazuzugehören.

Seit vielen Jahren begleite ich Familien in der SchreiBabyAmbulanz. Was diese Familien verbindet, ist nicht nur ein Baby, das mehr Unterstützung bei der Regulation braucht. Es ist vor allem das Gefühl, mit dieser Herausforderung allein zu sein.

Dabei wünschen sich viele genau das Gegenteil. Immer wieder werde ich gefragt: „Gibt es eigentlich eine Gruppe mit Eltern, denen es genauso geht wie uns?" Diese Frage höre ich immer wieder. Und deshalb habe ich vor einiger Zeit genau so eine Gruppe ins Leben gerufen. Jeden Montag um 16 Uhr öffne ich den Raum für Eltern mit Babys, die mehr Unterstützung bei der Regulation brauchen. Ein Ort, an dem niemand schief schaut, wenn ein Baby weint. Ein Ort, an dem man sich nicht erklären muss. Ein Ort, an dem Eltern erleben können: Wir sind nicht allein. Das Angebot ist bewusst niedrigschwellig. Die Teilnahme erfolgt auf Spendenbasis.

Und trotzdem kommt die Gruppe nicht zustande. Eine Kollegin und Freundin von mir bietet seit über zwei Jahren eine ähnliche Gruppe in einem Familienzentrum an – dienstagmorgens. Mal kommt eine Familie, mal drei. Und manchmal bleibt der Raum ganz leer. Das beschäftigt mich, denn im Einzelgespräch scheint der Wunsch riesig zu sein. Fast jede Woche werde ich gefragt, ob es einen Ort gibt, an dem Eltern andere Familien treffen können, die ähnliche Erfahrungen machen. Wir schaffen diesen Ort. Und trotzdem wird er kaum genutzt.


Warum ist das so?

Liegt es daran, dass gerade diese Familien ohnehin schon so erschöpft sind, dass jeder zusätzliche Termin zu viel wird? Ist die Sorge zu groß, dass das eigene Baby wieder weint und man sich beobachtet fühlt? Braucht es einen anderen Rahmen? Einen Spaziergang statt eines Kursraums? Ein digitales Kennenlernen? Oder erst eine Einzelbegleitung, bevor der Schritt in eine Gruppe gelingt?

Ich kenne die Antwort nicht, aber ich würde sie gerne verstehen, denn ich bin überzeugt, dass Begegnung entlasten kann. Nicht, weil andere Eltern Patentrezepte haben, sondern weil plötzlich jemand gegenüber sitzt, der sagt: „Bei uns war das auch so." Und manchmal ist genau dieser Satz der Anfang davon, sich nicht mehr so allein zu fühlen.

Was bedeutet Regulation eigentlich?

Regulation beschreibt die Fähigkeit unseres Nervensystems, nach Aufregung, Stress oder Überforderung wieder in einen Zustand von Ruhe und Sicherheit zurückzufinden. Für ein Baby ist das noch nicht möglich. Babys kommen nicht mit der Fähigkeit zur Welt, sich selbst zu beruhigen. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen dabei helfen – durch Nähe, Berührung, eine vertraute Stimme, Wiegen, Tragen oder einfach dadurch, dass jemand da ist und ihre Gefühle mit ihnen aushält. Wir nennen das Co-Regulation. Erst durch viele solcher Erfahrungen entwickelt sich nach und nach die Fähigkeit zur Selbstregulation.


Woran erkennst du, dass dein Baby mehr Unterstützung braucht?

Jedes Baby weint. Jedes Baby ist einmal überreizt oder findet schwer in den Schlaf. Das ist völlig normal. Es gibt jedoch Babys, deren Nervensystem besonders fein auf ihre Umwelt reagiert. Sie brauchen länger, um nach neuen Eindrücken wieder zur Ruhe zu finden. Geräusche, Licht, viele Menschen oder Veränderungen können sie schneller aus dem Gleichgewicht bringen.

Diese Babys brauchen oft:

  • mehr Nähe
  • mehr Körperkontakt
  • mehr Ruhe
  • mehr Rückzug
  • mehr Zeit, um Erlebnisse zu verarbeiten
  • und vor allem Erwachsene, die sie liebevoll begleiten

Das bedeutet nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie sind nicht falsch. Sie brauchen einfach etwas mehr Unterstützung. Und nein – du bist nicht schuld.

Ich begegne so vielen Müttern und Vätern, die glauben, sie hätten versagt. „Wenn ich entspannter wäre …" „Wenn ich es besser könnte …" „Bei den anderen klappt es doch auch." Nein. Manche Babys bringen ein besonders sensibles Nervensystem mit auf die Welt. Manche haben rund um Schwangerschaft oder Geburt bereits viel erlebt. Manche brauchen einfach mehr Zeit. Das sagt nichts darüber aus, wie gut du als Mutter oder Vater bist.

Trotzdem fühlen sich viele Eltern genau in dieser Zeit unglaublich allein. Nicht, weil niemand da wäre. Sondern weil sie glauben, die Einzigen zu sein. Der Gedanke „Warum ist das bei uns so anders?" begegnet mir in meiner Praxis immer wieder. Und häufig höre ich auch den Satz: „So habe ich mir das alles nicht vorgestellt."

Genau hier beginnt oft die eigentliche Überforderung. Denn wenn Erwartung und Realität weit auseinanderliegen, gerät unser Gehirn in einen ver-rückten Zustand – im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird aus dem Gleichgewicht gebracht. Plötzlich tauchen Zweifel auf. Habe ich etwas falsch gemacht? Warum klappt es bei den anderen scheinbar so viel besser? Warum weint mein Baby so viel? Diese Unsicherheit kostet unglaublich viel Kraft.

Deshalb möchte ich dich ermutigen: Zieh dich nicht zurück. Trau dich, mit anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Besuche Gruppen – auch wenn es Überwindung kostet. Du wirst wahrscheinlich feststellen, dass viel mehr Familien ähnliche Erfahrungen machen, als du vermutest. Vielleicht sieht die Herausforderung bei ihnen etwas anders aus. Doch das Gefühl, sich manchmal überfordert, erschöpft oder allein zu fühlen, teilen weit mehr Eltern, als wir im Alltag sehen.

Du musst diesen Weg nicht alleine gehen.

Wenn du mehr über das Thema Regulation erfahren möchtest, findest du hier zwei weiterführende Beiträge: Selbstregulation und Co-Regulation sowie Ein schwieriges Kind – oder ein Kind in Schwierigkeiten?

Und wenn der Alltag gerade besonders viel wird, habe ich etwas für dich: Die Checkliste „Wenn alles zu viel wird" steht dir kostenlos zur Verfügung.