
Grosseltern
June 16, 2026
„Großeltern halten unsere kleinen Hände nur für eine Weile, aber unsere Herzen für immer."
Es gibt Menschen, die hinterlassen Spuren, die ein Leben lang sichtbar bleiben. Nicht, weil sie ständig da waren, sondern weil sie da waren, wenn es darauf ankam.
So war es bei uns.
Meine Kinder hatten das große Glück, einen Opa zu erleben, der präsent, zugewandt und voller Lebensfreude war. Einen Opa, der Zeit hatte oder sie sich immer nahm. Ein Opa, der zuhörte, Quatsch machte, lachte, staunte und manchmal mit erhobenem Zeigefinger die Welt erklärte. Viel zu früh ist er gestorben. Mein ältester Sohn war damals neun Jahre alt.
Neulich sagte er einen Satz, der mich tief berührt hat: „Ich lebe inzwischen länger ohne Opa, als ich mit ihm gelebt habe. Aber trotzdem prägen mich diese ersten Jahre bis heute."
Dieser Satz beschreibt etwas, das viele Großeltern wahrscheinlich gar nicht ahnen: Wie tief ihre Liebe, ihre Aufmerksamkeit und ihre Präsenz Kinder prägen können – oft weit über die gemeinsame Zeit hinaus.
Denn Großelternschaft ist weit mehr als praktische Unterstützung oder gelegentliches Babysitten. Großelternschaft ist Beziehung. Sie ist Vertrauen. Und vor allem ist sie das Gefühl, bedingungslos angenommen zu werden.
Großeltern geben etwas weiter, das sich kaum messen lässt: Lebensgeschichten, Werte, Erfahrungen und die Gewissheit, Teil einer größeren Familie zu sein.
Gerade in einer Zeit, in der Familien oft weit verstreut leben, viele Menschen Einsamkeit erleben und Generationen immer seltener selbstverständlich miteinander in Kontakt kommen, sind Großeltern wichtige Brückenbauer. Sie verbinden Vergangenheit und Zukunft. Sie geben Kindern Wurzeln und gleichzeitig das Gefühl, Teil einer größeren Geschichte zu sein.
Studien bestätigen inzwischen, was viele Familien längst spüren. Eine Langzeitstudie des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Kinder mit aktiven Großeltern häufig emotional ausgeglichener und resilienter sind. Sie lernen, dass Beziehungen Bestand haben können, auch dann, wenn sich Lebensumstände verändern.
Forschungsergebnisse weisen zudem darauf hin, dass Kinder, die in vertrauensvollen Beziehungen zu Großeltern und sogar Urgroßeltern aufwachsen, häufig ein stabileres Selbstwertgefühl entwickeln, mehr Empathie zeigen und ein sicheres Bindungsverhalten entwickeln.
Großeltern werden deshalb oft als emotionaler Anker im Meer familiärer Veränderungen beschrieben. Und sie bewirken noch etwas anderes: Das generationenübergreifende Miteinander verändert unser Bild vom Älterwerden. Kinder, die ihre Großeltern als neugierig, tatkräftig und lebensfroh erleben, entwickeln ein anderes Verständnis vom Alter. Nicht als Abbau oder Verlust, sondern als einen natürlichen Teil des Lebens, geprägt von Erfahrung, Weisheit und Entwicklung.
Der Kontakt zwischen den Generationen ist damit eines der wirksamsten Mittel gegen Einsamkeit und Altersdiskriminierung – auf beiden Seiten.
Wenn aus einer Tochter eine Mutter wird und aus einem Sohn ein Vater, verändert sich das gesamte Familiensystem. Mit der Geburt eines Kindes werden nicht nur Eltern geboren. Aus einer Mutter wird eine Großmutter und aus einem Vater wird ein Großvater.
Eine neue Generation tritt nach vorne und übernimmt Verantwortung für ihren eigenen Weg. Die Herkunftsfamilie rückt ein Stück in die zweite Reihe, die neue Familie wird zur Kernfamilie. Das gilt für die mütterliche genauso wie für die väterliche Seite.
Für viele Großeltern ist das ein bewegender Übergang. Sie erleben Freude, Stolz und tiefe Verbundenheit. Gleichzeitig verändert sich ihre Rolle grundlegend. Dabei ist die zweite Reihe keineswegs weniger wichtig als die erste.
Sie hat lediglich eine andere Aufgabe. Großeltern müssen nicht mehr erziehen. Sie dürfen begleiten. Sie müssen nicht mehr die Richtung vorgeben. Sie dürfen Orientierung schenken und sie müssen nicht mehr alles tragen. Sie dürfen mittragen.
Genau darin liegt eine besondere Freiheit und Schönheit dieser Lebensphase. Großeltern zu werden ist etwas Besonderes. Und doch spricht kaum jemand darüber, dass auch dieser neue Lebensabschnitt Fragen und manchmal auch Unsicherheiten mit sich bringt. Viele Großeltern fragen sich:
Wie finde ich meinen Platz in dieser neuen Familienkonstellation?
Wie kann ich unterstützen, ohne mich einzumischen?
Wie gelingt es mir, meine Erfahrungen weiterzugeben und gleichzeitig die Entscheidungen der Eltern zu respektieren?
Wie baue ich eine enge Beziehung zu meinen Enkeln auf, die von Vertrauen und Verbundenheit geprägt ist?
Oft stehen hinter diesen Fragen ein großer Wunsch und viel Liebe: Der Wunsch, da zu sein, Rückhalt zu geben und zu unterstützen. Viele Großeltern möchten eine Bedeutung haben und ihre Enkelkinder auf ihrem Lebensweg begleiten dürfen.
Gleichzeitig erleben viele Großeltern, dass manches heute anders gesehen und anders gelebt wird als zu ihrer Zeit.
In meiner Arbeit in der Schreibabyambulanz begegnen mir diese Fragen immer wieder. Dort erlebe ich Familien, die sich eigentlich alle dasselbe wünschen: ein gutes Miteinander. Dennoch geraten Generationen manchmal aneinander.
Da fallen Sätze wie: „Das haben wir schon immer so gemacht." Oder: „Lass das Kind doch mal schreien, das stärkt die Lunge."

Viele dieser Überzeugungen wurden über Generationen weitergegeben. Sie entstanden aus dem Wissen und den Erfahrungen ihrer Zeit. Doch unser Wissen über Bindung, Entwicklung und die Bedürfnisse von Kindern hat sich weiterentwickelt.
Heute wissen wir, dass Kinder vor allem eines brauchen: Sicherheit – diese entsteht durch verlässliche Beziehungen, Feinfühligkeit und Menschen, die ihre Signale verstehen und beantworten.
Das bedeutet nicht, dass frühere Generationen etwas falsch gemacht haben. Im Gegenteil: Die meisten Großeltern haben mit dem Wissen gehandelt, das ihnen damals zur Verfügung stand – und vor allem mit ganz viel Liebe.
Es geht nicht darum, Vergangenes zu bewerten, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen und neugierig zu bleiben. Es geht darum, gemeinsam Wege zu finden, die für alle Generationen passen.
Genau aus diesem Gedanken heraus ist unser Großeltern-Workshop entstanden, nicht als Ort für Belehrungen, sondern als Raum für Austausch, Verständnis und Begegnung. Gemeinsam schauen wir auf bekannte Sprüche, Glaubenssätze und Erziehungsideen von früher. Wir fragen: Was davon trägt noch heute? Was hat sich verändert? Und welche neuen Erkenntnisse können dabei helfen, Enkelkinder heute feinfühlig zu begleiten?
Vor allem aber möchten wir Großeltern in ihrer wichtigen Rolle stärken, denn Großeltern sind keine Randfiguren im Familiensystem - Sie sind ein wertvoller Teil davon. Ihre Zeit, ihre Erfahrung, ihre Gelassenheit und ihre Liebe können für Kinder zu einem Schatz werden, der ein Leben lang trägt.
Mein Sohn lebt inzwischen länger ohne seinen Opa, als er mit ihm gelebt hat und trotzdem begleitet ihn diese Beziehung bis heute, nicht nur in der Form der Uhr, die er am Handgelenk trägt, sondern in Worten, Sprüchen und dem Gefühl, das er mit ihm verbindet. Ganz oft wird laut überlegt: Was hätte Opa jetzt gesagt?
Das zeigt mir immer wieder: Großelternschaft wirkt weit über gemeinsame Stunden, gemeinsame Ausflüge oder gemeinsame Jahre hinaus. Großelternschaft hinterlässt Spuren im Herzen, Spuren von Vertrauen und vor allem Spuren von Liebe.
Genau darum wünschen wir uns, Großeltern in ihrer wichtigen Rolle zu stärken und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Denn Kinder brauchen Menschen, die an sie glauben. Großeltern haben die wunderbare Möglichkeit, genau solche Menschen zu sein, Menschen, die Zeit schenken und zuhören. Menschen, die Geschichten erzählen und Mut machen. Menschen, die ein Stück Lebensweg mitgehen.
Wenn Generationen Zeit miteinander teilen, entstehen Erinnerungen, die weit über gemeinsame Jahre hinausreichen.
„Was ein Kind im Herzen seiner Großeltern erlebt, trägt es oft ein Leben lang im eigenen Herzen weiter."


