Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Keine Zeit zum Warten?

October 20, 2026

Über die Kunst, sich Zeit zu lassen

Es sind manchmal nur wenige Sekunden und doch scheinen sie für manche Menschen eine Ewigkeit zu sein. Die Tram hält, die Türen öffnen sich – und schon drängen die ersten Menschen hinein, dass andere erst einmal aussteigen möchten? Egal.

Wann haben wir eigentlich das Warten verlernt?

An der Supermarktkasse wird ungeduldig geschnauft, weil jemand sein Kleingeld zusammenzählt. An der Ampel wird gehupt, kaum dass sie auf Grün springt und Wünsche sollen möglichst sofort erfüllt werden.

Wir haben es eilig, selbst dann, wenn wir eigentlich gar keine Eile haben.

Und das Merkwürdige daran?

Es sind nicht die jungen Leute, auf die immer geschimpft wird. Es sind Babyboomer und Generation X. Ausgerechnet bei den Generationen, die gerne davon erzählen, dass früher noch alles etwas ruhiger und gelassener zuging.

Natürlich ist Ungeduld keine Frage des Geburtsjahres, aber es fällt auf. Die Frage, die sich ergibt ist:

Was genau verlieren wir eigentlich, wenn wir nicht mehr warten können?

Und noch spannender: Was könnten wir gewinnen, wenn wir es wieder lernen?


Warten ist keine verlorene Zeit

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Geschwindigkeit häufig mit Erfolg gleichgesetzt wird. Wir möchten möglichst viel erledigen, möglichst wenig Zeit verlieren und möglichst effizient durch unseren Alltag kommen. Wir bestellen heute und erwarten die Lieferung morgen. Nachrichten sollen unmittelbar beantwortet werden. Informationen stehen uns innerhalb von Sekunden zur Verfügung. Und wenn etwas dann doch mal etwas länger dauert? Dann werden wir unruhig.

Dabei ist Warten zunächst einmal nichts anderes als eine Zeitspanne zwischen zwei Ereignissen. Erst unsere Bewertung macht daraus etwas Angenehmes oder Unangenehmes. Wir können an einer roten Ampel stehen und uns darüber ärgern, dass wir nicht weiterkommen. Oder wir können an derselben Ampel stehen und uns über einen kurzen Moment freuen, in dem gerade nichts von uns erwartet wird. Die Situation ist dieselbe, unsere Haltung eine andere.

Wir können nicht immer beeinflussen, wie lange wir warten, aber häufig, wie wir diese Zeit erleben. Es geht also gar nicht unbedingt darum, geduldiger zu werden, sondern zunächst einmal darum, unsere eigene Ungeduld wahrzunehmen. Was passiert eigentlich in uns, wenn etwas nicht so schnell geht, wie wir es uns wünschen? Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach abzuwarten? Und was verändert sich, wenn wir aufhören, gegen diesen Moment anzukämpfen?

Geduld bedeutet nicht, alles hinzunehmen oder die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Geduld bedeutet vielmehr, mit dem umgehen zu können, was wir gerade nicht verändern können. Darin liegt eine Fähigkeit, die uns auch psychisch stärken kann.

Wenn wir warten, ohne unmittelbar zu reagieren, üben wir ganz nebenbei unsere Selbstregulation. Wir nehmen wahr, dass etwas nicht so läuft, wie wir es uns wünschen, und entdecken, dass wir diese kleine Frustration aushalten können. Wir lernen, einen Impuls nicht sofort in eine Handlung umzusetzen. Zwischen einem Reiz und unserer Reaktion entsteht so ein kleiner Raum. Ein Raum, in dem wir uns entscheiden können.

Möchte ich mich jetzt ärgern?
Möchte ich mich hineinsteigern?
Oder kann ich diese Situation einfach so sein lassen, wie sie gerade ist?

Natürlich gelingt uns das nicht immer. Auch Geduld ist keine Eigenschaft, die wir entweder besitzen oder nicht besitzen. Geduld ist eine Fähigkeit, die wir entwickeln und immer wieder üben können.

Und manchmal beginnt dieses Üben an einer geschlossenen Bahnschranke …

Eine Freundin von mir hat eine wunderbare Angewohnheit. Immer wenn sie an einer geschlossenen Bahnschranke warten muss, nutzt sie diese Zeit für eine kleine Achtsamkeits- oder Atemübung. Während andere ungeduldig auf die Uhr schauen, schenkt sie sich selbst ein paar bewusste Augenblicke.

Ich liebe diesen Gedanken!

Denn eigentlich ist es doch verrückt: Wir wünschen uns im Alltag mehr Ruhe, mehr Zeit für uns selbst, mehr Möglichkeiten zum Durchatmen. Und wenn uns das Leben dann ein paar Minuten schenkt, ärgern wir uns darüber.

Warum machen wir aus dem Warten nicht einfach eine kleine Glückspause?

Eine Pause, die wir nicht planen mussten. Eine Pause, für die wir keinen Termin brauchen. Eine Pause, die uns das Leben gerade ganz nebenbei schenkt.

Warten ist somit eine der einfachsten Möglichkeiten, Achtsamkeit in unseren Alltag zu integrieren. Ohne dass wir eine besondere Vorbereitung oder zusätzliche Zeit benötigen.

Ein paar Momente bewusster Atmung.
Ein paar ruhige Atemzüge, bei denen wir wahrnehmen, wie die Luft ein- und wieder ausströmt.
Ein paar Augenblicke, in denen wir bewusst unsere Schultern entspannen, den Boden unter unseren Füßen spüren oder unseren Körper wahrnehmen.

Wer mit Mantras arbeitet, kann die Wartezeit nutzen, um ein vertrautes Mantra innerlich zu wiederholen.

Sätze wie:
Ich bin hier.
Ich bin jetzt.
Alles darf einen Moment warten.

Oder wir erlauben uns ein paar Momente schweigender Bewusstheit.
Ohne Gedanken verändern zu wollen.
Ohne etwas erreichen zu müssen.
Ohne aus diesem Augenblick mehr machen zu wollen, als er gerade ist.

Einfach sein. Sosein.

Den Augenblick wahrnehmen, ohne ihn verändern oder mit irgendetwas füllen zu wollen.


Was unser Nervensystem damit zu tun hat

Unser Nervensystem reagiert nicht nur auf das, was tatsächlich geschieht, sondern auch darauf, wie wir eine Situation wahrnehmen und bewerten. Wenn wir jede Verzögerung als Störung erleben, können Ärger, Anspannung und Stress entstehen. Unser Körper reagiert möglicherweise mit einer erhöhten Muskelspannung, einer schnelleren Atmung oder innerer Unruhe.

Dabei ist die Situation selbst vollkommen ungefährlich. Die Bahn kommt ein paar Minuten später. Die Schlange an der Kasse bewegt sich langsam. Die Ampel bleibt noch einen Moment rot. Uns passiert nichts.

Wenn wir solche Situationen bewusst anders bewerten, können wir auch unsere körperliche Reaktion beeinflussen.

Ruhiges, angenehmes Atmen kann beispielsweise dazu beitragen, das autonome Nervensystem zu regulieren und körperliche Anspannung zu reduzieren.

Wir senden unserem Körper gewissermaßen die Botschaft:
Es ist gerade alles in Ordnung. Ich darf einen Moment zur Ruhe kommen.

Natürlich funktioniert das nicht auf Knopfdruck. Und nicht jede Wartezeit fühlt sich entspannt an.

Aber mit jeder kleinen Erfahrung können wir entdecken, dass wir nicht jeder äußeren Verzögerung mit innerer Unruhe begegnen müssen.


Und was lernen unsere Kinder daraus?

Auch im Umgang mit Kindern spielt Geduld eine wichtige Rolle. Wir wünschen uns, dass unsere Kinder warten können. Dass sie nicht jeden Wunsch sofort erfüllt bekommen müssen. Dass sie Frustrationen aushalten und lernen, mit Enttäuschungen umzugehen.

Aber wie sieht es eigentlich mit uns Erwachsenen aus?

Wie sollen Kinder Geduld lernen, wenn wir ihnen ständig unsere eigene Ungeduld vorleben?

Kinder lernen nicht allein durch das, was wir ihnen erklären. Sie lernen vor allem durch das, was sie mit uns erleben. Wenn wir an der Supermarktkasse genervt reagieren, weil jemand länger braucht, erleben sie unsere Ungeduld. Wenn wir uns über eine rote Ampel aufregen, erleben sie unseren Ärger. Wenn wir dagegen ruhig bleiben, durchatmen und vielleicht sogar sagen: „Ach, jetzt haben wir einen kleinen Moment Zeit", erleben sie eine andere Möglichkeit, mit solchen Situationen umzugehen.

Dabei ist mir eines besonders wichtig: Geduld entwickelt sich nicht durch erzwungenes Aushalten.

Gerade kleine Kinder verfügen noch nicht über dieselben Möglichkeiten zur Selbstregulation wie Erwachsene. Sie brauchen unsere Begleitung, unsere Sicherheit und unsere Co-Regulation. Ein Baby, das weint, braucht keine Lektion in Geduld. Ein Kleinkind, das mit einer Wartezeit überfordert ist, braucht keine Aufforderung, sich endlich zusammenzureißen. Beide brauchen Verständnis, Orientierung und einen Erwachsenen, der ihm hilft, mit seiner Frustration umzugehen. Nur so kann sich nach und nach die Fähigkeit entwickeln, auch einmal warten zu können.


Warten ist Lebenszeit

Vielleicht sollten wir aufhören, das Warten als die Zeit zwischen den wichtigen Momenten unseres Lebens zu betrachten.

Denn während wir auf die Bahn warten, leben wir.
Während wir an der Kasse stehen, leben wir.
Während wir darauf warten, dass die Ampel grün wird, leben wir.

Es ist nicht die Zeit dazwischen. Es ist unsere Lebenszeit.

Und die ist viel zu wertvoll, um sie ständig mit Ärger über ein paar verlorene Minuten zu verbringen. Deshalb möchte ich Dich heute zu einem kleinen Experiment einladen: Wenn Du das nächste Mal warten darfst, versuche einmal, die Situation nicht sofort verändern zu wollen. Greife nicht automatisch zum Handy. Atme bewusst ein und aus. Nimm wahr, wo Du gerade bist. Und frage Dich: Was könnte mir in diesem Moment guttun?

Vielleicht ist es ein tiefer Atemzug oder ein freundlicher Gedanke, vielleicht ein Lächeln oder einfach nur das wunderbare Gefühl, für einen Augenblick nichts tun zu müssen.

Genieße den Moment des Wartens.

Und noch eine kleine Inspiration zum Schluss …

Eine andere Freundin von mir hat übrigens immer eine Affirmationskarte in der Sonnenblende ihres Autos stecken. Wenn sie an einer roten Ampel steht, klappt sie die Sonnenblende herunter und liest sich die Affirmation vor.

Auch eine schöne Idee, wie aus einem kurzen Moment des Wartens ein kleiner Augenblick der Selbstfürsorge werden kann.

Vielleicht ist das auch eine Inspiration für Dich? Einige meiner Affirmationskarten findest Du hier – such Dir einfach die aus, die gerade zu Dir passt.