Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Und einer fehlt immer zum Glück…

September 29, 2026

Warum das, was wir geschafft haben, mehr Raum verdient

Kennst Du das?

Du hast richtig viel geschafft.

Vielleicht hattest Du morgens eine ziemlich lange Liste vor Dir. Eigentlich schon mehr, als realistisch in einen Tag passt.

Und dann läuft es.

Du arbeitest einen Punkt nach dem anderen ab.
Du kümmerst Dich.
Du organisierst.
Du denkst mit.
Du erledigst nebenbei noch drei Dinge, die ursprünglich gar nicht auf Deiner Liste standen.

Irgendwann schaust Du auf Deinen Tag und denkst:

Wow. Das war heute richtig viel.

Du bist müde und zufrieden und vielleicht sogar ein bisschen stolz auf Dich.

Und dann kommt die Frage:

„Und was ist mit …?"

Oh nein, das eine, das hast Du tatsächlich nicht mehr geschafft. Und plötzlich steht genau das im Raum.

Es zählt nicht mehr was erledigt ist.
Es wird nicht gesehen, was zusätzlich dazugekommen ist.
Und auch nicht bemerkt, wie viel Energie, die Du aufgebracht hast.
Keiner sieht die 98 Haken.

Sondern die zwei, die fehlen.

Und auf einmal fühlt sich ein Tag, der sich gerade noch richtig gut angefühlt hat nach Versagen an.

Kennst Du das auch aus der Schule?

Du kommst mit einer Zwei nach Hause und hörst: „Und warum ist es keine Eins geworden?"

Du hast neun von zehn Aufgaben erledigt und gesprochen wird über die zehnte.

Du hast Dich angestrengt, bist drangeblieben, hast mehr geschafft als gedacht und der Blick landet trotzdem genau dort, wo etwas fehlt.

Wir sind erstaunlich gut darin, das Fehlende zu entdecken.

Nehmen wir einmal 100 Dinge.

98 hast Du geschafft.

98!

Und trotzdem können zwei offene Punkte so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass die anderen 98 daneben beinahe verschwinden.

Dabei machen zwei offene Aufgaben die 98 erledigten nicht kleiner.

Und natürlich dürfen wir auch über die zwei sprechen.

Sie dürfen morgen wieder auf der Liste stehen.
Wir dürfen schauen, warum etwas liegen geblieben ist.
Wir dürfen überlegen, was noch gebraucht wird.

Aber doch bitte erst, nachdem wir die 98 gesehen haben.

Nachdem wir gesagt haben: „Schau mal, was Du alles geschafft hast."

Und dann einfach mal einen Punkt setzen.

Ohne dieses kleine Wort, das so vieles von dem, was vorher gesagt wurde, wieder einsammelt: aber

„Das hast Du richtig gut gemacht, aber …"
„Du hast unglaublich viel geschafft, aber …"
„Ich sehe, wie sehr Du Dich angestrengt hast, aber …"

Und schon sind wir wieder bei den zwei.

Ich frage mich, was passieren würde, wenn wir öfter beim Geschafften bleiben würden.

Bei unseren Kindern, bei den Schülern, bei Menschen, mit denen wir arbeiten, bei unserem Partner oder unserer Partnerin und vor allem auch bei uns selbst.

Wenn wir am Ende eines Tages nicht zuerst überlegen: Was habe ich heute wieder alles nicht geschafft?

Sondern: Was habe ich heute eigentlich alles geschafft?

Und dabei geht es gar nicht darum, dass es 98 sein müssen.

Manchmal stehen fünf Dinge auf der Liste und am Abend sind zwei erledigt.

Dann sind es eben diese zwei, die unseren Blick verdienen.

Denn wir wissen selten, wie viel Kraft ein Mensch für etwas gebraucht hat, das von außen ganz selbstverständlich aussieht.

Und möglicherweise ist genau das der Punkt:

Einer fehlt immer.

Eine Aufgabe bleibt liegen.
Eine Mail unbeantwortet.
Die Wäsche wartet.
Der Rückruf wird morgen erledigt.
Irgendwo fehlt noch ein Haken.

Unser Wert bemisst sich nicht an vollständig abgehakten Listen (und ein guter Tag übrigens auch nicht).

Wenn Du also heute Abend auf Deinen Tag schaust:

Sieh erst einmal, was da ist.
Was Du getragen hast.
Was Dir gelungen ist.
Was Du geschafft hast.