
„So habe ich mir das nicht vorgestellt"
July 24, 2026
Wenn Elternsein ganz anders ist, als wir es erwartet haben
„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden."
– Søren Kierkegaard
Eltern werden bedeutet nicht, ein perfektes Leben mit Kind zu führen. Eltern werden bedeutet, ein neues Leben mit dem eigenen Kind entstehen zu lassen.
„So habe ich mir das nicht vorgestellt."
Diesen Satz höre ich in der Schreibabyambulanz immer wieder. Nur selten fällt er gleich zu Beginn eines Gesprächs. Meist braucht es Zeit. Manchmal eine Stunde. Manchmal mehrere Termine. Erst wenn Vertrauen entstanden ist, trauen sich viele Eltern auszusprechen, was sie längst fühlen. Und genau in diesem Moment beginnt oft die eigentliche Begleitung.
Fast immer folgt auf diesen Satz ein schlechtes Gewissen. „Ich liebe mein Kind über alles. Aber ich hätte nie gedacht, dass es so anstrengend sein kann."
Ich wünsche mir, dass wir viel häufiger über genau diesen Satz sprechen. Denn er ist kein Zeichen mangelnder Liebe. Er ist kein Zeichen des Scheiterns. Er ist ein Zeichen dafür, dass das Leben gerade anders aussieht, als wir es erwartet haben. Und genau das ist menschlich.
Eltern werden bedeutet auch Abschied nehmen
Mit der Geburt eines Kindes wird nicht nur ein Baby geboren. Es werden auch Eltern geboren. Und gleichzeitig endet ein Lebensabschnitt. Viele Eltern erschrecken über diesen Gedanken. Doch Abschied bedeutet nicht, dass etwas falsch ist. Abschied bedeutet Veränderung.
Abschied von Spontanität. Von ungestörten Nächten. Von dem Gefühl, jederzeit über die eigene Zeit bestimmen zu können. Von der Vorstellung, wie das Familienleben einmal aussehen würde.
Ich glaube, genau das wird häufig übersehen. Eltern werden bedeutet nicht nur, ein Kind willkommen zu heißen. Es bedeutet auch, Abschied von einem Leben zu nehmen, das es so nicht mehr geben wird. Und Trauer über diesen Abschied schließt Liebe nicht aus. Beides darf gleichzeitig da sein.
Denn wir trauern nicht um unser Kind. Wir trauern um die Vorstellung, die wir vom Elternsein hatten. Und genau das macht den Weg frei, im echten Familienleben anzukommen.
Unsere Vorstellungen sind keine Realität
Schon lange bevor ein Kind geboren wird, entstehen innere Bilder. Wie unser Baby sein wird. Wie wir als Eltern sein werden. Wie sich unser Alltag anfühlen wird. Diese Vorstellungen geben Sicherheit. Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit. Es malt Zukunft aus, damit wir uns orientieren können.
Doch kein Baby kennt unsere Pläne. Kein Baby hat Ratgeber gelesen. Und kein Baby weiß, dass Erwachsene glauben, es müsse „schlafen wie ein Baby".
Dabei schlafen Babys biologisch genau so, wie sie schlafen sollen. Sie wachen nachts auf. Sie suchen Nähe. Sie brauchen Körperkontakt. Sie regulieren sich über ihre Bezugspersonen. Nicht weil sie verwöhnt sind. Sondern weil ihr Nervensystem noch mitten in der Entwicklung ist.
Theoretisches Wissen hilft in diesen Momenten oft nur begrenzt. Denn zwischen „Ich weiß, dass Babys nachts aufwachen" und „Ich bin seit Wochen fünfmal pro Nacht wach" liegen Welten.
Willkommen in der Realität
Schlafmangel verändert unser Nervensystem. Geduld wird weniger. Emotionen werden intensiver. Kleine Herausforderungen fühlen sich plötzlich riesig an.
Viele Eltern denken dann: „Mit mir stimmt etwas nicht." Dabei stimmt häufig etwas mit den Umständen. Ein übermüdetes Nervensystem reagiert empfindlicher. Nicht weil Eltern versagen. Sondern weil sie Menschen sind.
Kinder sind kein schmückendes Beiwerk
Vor vielen Jahren sagte eine Nachbarin zu mir, die gemeinsam mit ihrem Mann ein zweijähriges Kind adoptieren wollte: „Das Kind muss sich unserem Lebensstil anpassen – nicht wir uns seinem."
Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Damals habe ich mich gefragt, ob der Unterschied darin liegt, dass einer Schwangerschaft bereits viele Monate vorausgehen, in denen sich das Leben Schritt für Schritt verändert. Heute sehe ich es etwas anders.
Kinder wachsen selbstverständlich in ihre Familie hinein. Und gleichzeitig wachsen Eltern in ihre neue Rolle hinein. Beides geschieht gleichzeitig. Denn Beziehung verändert immer beide Seiten.
Kinder sind kein schmückendes Beiwerk unseres Lebens. Sie sind eigenständige Menschen mit eigenen Bedürfnissen. Und genau diese Bedürfnisse verändern unseren Alltag. Nicht gegen uns. Sondern weil Beziehung genau das tut: Sie verändert.
„So habe ich mir das nicht vorgestellt."
Ich empfinde diesen Satz heute nicht mehr als Ausdruck von Überforderung. Sondern als Beginn von Ehrlichkeit. Denn in diesem Satz steckt keine Ablehnung dem Kind gegenüber. Sondern das Eingeständnis, dass Vorstellung und Wirklichkeit aufeinandergetroffen sind.
Psychologisch ist das ein bedeutsamer Moment. Denn Entwicklung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen die Realität anzukämpfen. Je größer der Abstand zwischen dem, was wir erwartet haben, und dem, was wir erleben, desto größer ist häufig auch unser Schmerz. Nicht weil wir schwach sind. Sondern weil wir innerlich noch an einem Bild festhalten, das mit der Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmt.
Was helfen kann
Der erste Schritt ist selten ein guter Ratschlag. Der erste Schritt ist Anerkennung.
Ja. So habe ich mir das nicht vorgestellt.
Diesen Satz auszusprechen bedeutet nicht aufzugeben. Er bedeutet, die Realität willkommen zu heißen. Denn erst wenn wir aufhören, gegen das anzukämpfen, was gerade ist, entsteht Raum für Veränderung.
Solange wir versuchen, unsere Realität mit unserer Vorstellung abzugleichen, verlieren wir unglaublich viel Kraft. Wir fragen uns: „Warum schaffe ich das nicht?" „Warum ist mein Baby nicht so wie die anderen?" „Warum fühlt es sich bei mir nicht so an wie bei allen anderen?" Diese Fragen führen selten zu Antworten. Sie führen häufig zu Schuldgefühlen.
Eine andere Frage öffnet dagegen eine Tür: „Was braucht es gerade – für mein Kind und für mich?"
Mit dieser Frage verändert sich der Blick. Wir verlassen den Kampf gegen die Wirklichkeit und richten unsere Aufmerksamkeit auf das, was jetzt hilfreich ist. Manchmal ist das Unterstützung. Manchmal Schlaf. Manchmal eine warme Mahlzeit. Manchmal jemand, der einfach zuhört. Manchmal professionelle Begleitung.
Und manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen Satz: „Es ist gerade anders, als ich es mir vorgestellt habe. Und ich darf trotzdem eine gute Mutter sein. Ich darf trotzdem ein guter Vater sein."
Zum Schluss
Ich glaube, es ist gut, dass wir vorher nicht genau wissen, wie sich Elternsein anfühlt. Wüssten wir jede schlaflose Nacht. Jede Sorge. Jeden Moment der Erschöpfung. Manche Menschen würden sich aus Angst gegen Kinder entscheiden. Und gleichzeitig würden sie nie erfahren, wie tief Liebe sein kann. Wie sehr ein kleines Lächeln ein müdes Herz berührt. Wie viel wir über uns selbst lernen. Und wie sehr Kinder uns verändern.
Wenn ich Familien nach einiger Zeit wiedersehe, höre ich oft einen anderen Satz: „So habe ich mir das zwar nicht vorgestellt. Aber genau so sollte es wohl sein." Nicht, weil plötzlich alles leicht geworden ist. Sondern weil sie aufgehört haben, gegen ihre Realität zu kämpfen. Und begonnen haben, in ihr anzukommen.
„So habe ich mir das nicht vorgestellt." Dieser Satz ist deshalb kein Zeichen des Scheiterns. Er ist häufig der Anfang einer neuen Elternschaft. Einer Elternschaft, die nicht perfekt sein muss. Sondern echt.
Denn genau dort, wo wir das Ideal loslassen, entsteht Raum für das, was Kinder am meisten brauchen: Eltern, die nicht perfekt sind. Sondern präsent. Verbunden. Und bereit, gemeinsam mit ihrem Kind zu wachsen.


