Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

Zuhören, hinhören, hören – eine unterschätzte Kraft

January 16, 2026

Wir hören den ganzen Tag. Geräusche, Stimmen, Nachrichten, uns selbst. Und doch hören wir oft nicht
wirklich hin. Zwischen dem, was unser Ohr aufnimmt, und dem, was unser Inneres erreicht, liegt ein
feiner, aber entscheidender Unterschied.

Hören ist ein physiologischer Vorgang. Zuhören ist eine bewusste Entscheidung. Hinhören ist eine Haltung.
In unserer schnellen, reizüberfluteten Welt wird Zuhören fast zu einer stillen Form von Mut: präsent bleiben,
ohne sofort zu bewerten, zu antworten oder zu reagieren.

Aktives und passives Hören – was ist der Unterschied?


Passives Hören passiert nebenbei. Die Worte dringen ein, aber sie hinterlassen kaum Spuren. Wir nicken,
während unser Kopf schon beim nächsten Gedanken ist. Psychologisch gesehen ist unser Nervensystem dabei
oft im „Autopilot-Modus“. Aktives Hören hingegen bedeutet:

• Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt
• echtes Interesse
• inneres Zurücktreten, um Raum für das Gegenüber zu schaffen

Carl Rogers, einer der Begründer der humanistischen Psychologie, sah im aktiven Zuhören eine der
wichtigsten Voraussetzungen für echte Begegnung und persönliches Wachstum. Wer sich gehört fühlt,
fühlt sich gesehen. Und das gilt nicht nur für Gespräche mit anderen – sondern auch für den Dialog mit uns
selbst. Ich lade Dich zu einer Übung zum bewussten Hören ein: (Klick für die Audio-Datei)

1. Nach außen hören – die Welt um dich herum

Setze dich bequem hin. Schließe, wenn möglich, die Augen. Richte deinen Fokus zunächst ganz bewusst
auf das, was du im Außen hörst. Frage dich:

• Welche Geräusche sind direkt in meiner Nähe?
• Welche weiter entfernt?
• Wie weit reicht mein Hörraum?
• Welche Geräusche habe ich zuerst wahrgenommen?
• Welche tauchen erst auf, wenn ich tiefer lausche?

Vielleicht hörst du ein leises Summen, Schritte, das Ticken einer Uhr, Verkehr in der Ferne, den Wind. Oft
merken wir: Die Welt ist viel reicher an Klängen, als wir im Alltag wahrnehmen.

2. Nach innen hören – der Körper spricht leise


Lenke nun die Aufmerksamkeit nach innen. Was hörst du in dir?

• Deinen Atem?
• Deinen Herzschlag?
• Das Rauschen deines Blutes?
• Ein leises Knistern, ein Pulsieren, Stille?

Hier geht es nicht darum, etwas Bestimmtes zu finden. Sondern darum, zu lauschen - ohne zu bewerten.
Dieses innere Hören stärkt die Verbindung zum eigenen Körper und wirkt oft regulierend auf das Nervensystem.

3. Klang erleben – hören und fühlen


Im dritten Teil kannst du eine Audiodatei mit Klangschalen oder anderen meditativen Klängen
abspielen. Lass die Klänge einfach durch dich hindurchfließen. Danach nimm dir einen Moment zur Reflexion:

• Was habe ich gehört?
• Welche Klänge haben mich besonders berührt?
• Wo im Körper habe ich sie wahrgenommen?
• Wie habe ich mich dabei gefühlt? Ruhig? Bewegt? Widerständig? Offen?

Viele Menschen erleben hier den Unterschied zwischen „etwas hören“ und „sich von Klang berühren lassen“.
Bestimmt hast Du schon mal vom Vier-Ohren-Modell gehört? Friedemann Schulz von Thun beschreibt, dass
jede Nachricht vier Ebenen hat:

1. Sachebene
2. Faktenebene
3. Informationsebene
4. Inhaltsebene

Je nachdem, mit welchem „Ohr“ wir zuhören, hören wir etwas völlig anderes. Viele Konflikte entstehen nicht
durch das Gesagte – sondern durch das Gehörte. Bewusstes Zuhören heißt hier:

• wahrnehmen, welches Ohr gerade aktiv ist
• innerlich einen Schritt zurücktreten
• neugierig bleiben statt zu urteilen

In der GFK nach Marshall Rosenberg geht es beim Zuhören darum, hinter den Worten die Bedürfnisse zu hören:

• Was fühlt mein Gegenüber?
• Welches Bedürfnis steckt dahinter?

Statt zu reagieren, hören wir empathisch. Das verändert Gespräche oft grundlegend. Zuhören ist mehr als eine
Technik. Es ist eine Form von Präsenz, von Respekt – und letztlich von Liebe. Wer lernt, tiefer zu hören, begegnet
der Welt und sich selbst mit mehr Klarheit, Mitgefühl und Ruhe.
Vielleicht beginnt echtes Zuhören genau hier: Mit einem Moment der Stille. Und der Bereitschaft, wirklich hinzuhören.