Zeit & Raum für
Körper & Seele ...

"Du siehst mich nicht"

June 15, 2026

„Die größte Illusion in der Kommunikation ist die Annahme, sie hätte stattgefunden."
– George Bernard Shaw

Manchmal ist es nur ein beiläufiger Satz:

- eine Nachricht

- ein Kommentar

- eine Interpretation

Und plötzlich sind wir genervt, gereizt oder innerlich in Alarmbereitschaft. Nicht selten fragen wir uns dann: Warum trifft mich das überhaupt? Rational gibt es doch keinen Grund.

Doch oft liegt der Grund nicht dort, wo wir ihn zunächst suchen. Hinter vielen dieser Momente steckt weniger die Aussage selbst als das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden.

Ein Beispiel: Jemand sieht ein Foto und sagt: „Es freut mich, dass es dir gut geht." Eine freundliche Bemerkung. Und dennoch kann sie Widerstand auslösen.

Warum?

Weil zwischen Beobachtung und Interpretation ein entscheidender Unterschied liegt. „Auf dem Foto wirkst du glücklich" beschreibt eine Wahrnehmung. „Es geht dir gut" beschreibt vermeintlich eine Tatsache. Das eine lässt Raum für die Realität des anderen Menschen. Das andere überspringt sie.

Viele Konflikte entstehen genau an dieser Stelle: Menschen verwechseln ihre Interpretation mit Wirklichkeit. Wir alle tun das gelegentlich. Wir glauben zu wissen, wie es jemandem geht, was er denkt, was er fühlt. Dabei sehen wir oft nur einen kleinen Ausschnitt und ergänzen den Rest mit unserer eigenen Geschichte, unseren eigenen Gedanken, unserer Fantasie.

Oft berühren uns solche Situationen deshalb so stark, weil wir uns nach etwas sehnen, das über Zustimmung hinausgeht:

Wir wollen wirklich gesehen werden.

- nicht als Projektionsfläche

- nicht als Interpretation

- nicht als Rolle

Sondern als der Mensch, der wir gerade sind.

Interessanterweise entsteht das unangenehme Gefühl häufig nicht nur durch die Aussage selbst, sondern durch den inneren Konflikt, der darauf folgt.

Ein Teil von uns möchte korrigieren: „So ist es nicht."

Während ein anderer Teil weiß: „Die Diskussion wird mich mehr Energie kosten, als sie mir bringt."

So entsteht zwischen diesen beiden Polen entsteht Spannung.

Hier kann Gelassenheit entstehen, indem wir selbst wahrnehmen:

Diese Person beschreibt gerade ihr Bild von mir – nicht mich.

Das bedeutet nicht, dass die Interpretation richtig ist. Es bedeutet nur, dass wir nicht jede fremde Wahrnehmung zu unserer Verantwortung machen müssen.

Manchmal reicht es, die eigene Wirklichkeit klar zu kennen, ohne sie verteidigen zu müssen, denn nicht jede Fehlinterpretation braucht eine Korrektur. Und vor allem verdient nicht jede Projektion unsere Energie.

Die Menschen werden uns immer wieder durch die Brille ihrer Erfahrungen betrachten. Die Frage ist nicht, ob das passiert. Die Frage ist, ob wir lernen können, uns selbst klar genug zu sehen, damit wir nicht jedes Mal kämpfen müssen, wenn andere uns unscharf wahrnehmen.


Was kann helfen, wenn uns solche Situationen treffen?

Der erste Impuls ist häufig, die Aussage zu korrigieren. Wir möchten erklären, richtigstellen oder dafür sorgen, dass unser Gegenüber versteht, was wirklich gemeint war. Doch nicht jede Interpretation braucht eine unmittelbare Reaktion.

Manchmal hilft es, sich einen Moment Zeit zu nehmen und sich zu fragen:

Was genau hat mich gerade getroffen?

War es die Aussage selbst?

Oder war es die Ungenauigkeit?

Oder ist es das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden?

Allein diese Unterscheidung schafft oft bereits etwas Abstand. Hilfreich kann auch sein, die Aussage innerlich neu zu übersetzen. Statt: „Er weiß, wie es mir geht." wird daraus: „Er beschreibt gerade sein Bild von mir." Diese kleine Verschiebung verändert nicht die Situation, aber häufig die Intensität der emotionalen Reaktion.

Auch der Körper kann ein wichtiger Verbündeter sein. Einige bewusste Atemzüge, ein kurzer Spaziergang oder Bewegung helfen oft dabei, die erste Aktivierung des Nervensystems zu regulieren, bevor wir entscheiden, ob überhaupt eine Reaktion notwendig ist.

Nicht jede Interpretation verdient unsere Energie. Nicht jede Fehlannahme braucht eine Korrektur. Und nicht jede Geschichte, die andere über uns erzählen, muss zu unserer eigenen werden.

Manche Dinge lassen sich durch Perspektivwechsel regulieren, manche sitzen tiefer und profitieren von gezielter Verarbeitung. Wenn bestimmte Situationen immer wieder ähnliche Gefühle auslösen – Ärger, Frustration, Ohnmacht oder das Gefühl, missverstanden zu werden – dann lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Nicht selten reagiert dabei nicht nur die aktuelle Situation. Manchmal werden ältere Erfahrungen, innere Überzeugungen oder unverarbeitete emotionale Muster berührt. In solchen Fällen reicht Verstehen allein oft nicht aus. Obwohl wir rational wissen, dass eine Aussage oder Interpretation uns nicht aus der Bahn werfen sollte, reagiert unser Nervensystem weiterhin mit Anspannung, Ärger oder Rückzug.

Genau hier setzt EMDR an. EMDR unterstützt uns dabei, belastende emotionale Reaktionen dort zu verändern, wo sie entstehen: nicht nur im Denken, sondern auf der Ebene des Nervensystems. Das Ziel ist nicht, nichts mehr zu fühlen. Das Ziel ist, frei wählen zu können, wie viel Einfluss eine Situation auf das eigene Erleben haben darf.

Mehr über die Methode und wie sie wirkt findest du in meinem Blogbeitrag: EMDR – neu ordnen statt festhalten.